Los geht’s!

Endlich! Nach einigen vergeblichen Versuchen in den letzten Jahren, durch Praktika oder Ähnliches längere Zeit im Ausland verbringen zu können, hatte ich mir fest vorgenommen, nach dem Abschluss meines Bachelorstudiums in der Biotechnologie eine Auszeit zu nehmen und endlich auszubrechen aus Deutschland. Anfang 2017 bewarb ich mich daher bei verschiedenen Organisationen, die Projekte im Ausland anbieten. Ich wurde zu zwei Bewerbungsverfahren eingeladen und entschied mich letztendlich für einen Einsatzplatzvorschlag von „Brot für die Welt“.

Brot für die Welt (BfdW) hat von Anfang an einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht. Das Werk unterstützt mehr als Tausend Projekte von Kirchen, christlichen Organisationen sowie nichtkirchlichen Trägern im Ausland. Es betreibt Öffentlichkeits-, Bildungs- und Lobbyarbeit und versendet Entwicklungshelfer sowie Freiwillige in andere Länder. Und obwohl die Versendung der Freiwilligen nur einen sehr kleinen Teil der Tätigkeiten von BfdW ausmacht, spürt man deutlich, dass dem Team ein sehr enger und persönlicher Kontakt zu jedem einzelnen Freiwilligen sehr am Herzen liegt. Ich fühlte mich von Anfang an extrem gut aufgehoben. Ich bin mit einer gewissen Skepsis an das Thema Freiwilligendienste herangegangen, aber ich bin mir sicher, dass ich mit BfdW den für mich bestmöglichen Träger gefunden habe. Obwohl BfdW ein Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen ist und seine Arbeit mit dem christlichen Glauben begründet, ist die Religionszugehörigkeit der Freiwilligen keine Vorraussetzung für die Teilnahme.

Falls ihr mehr Informationen über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst von BfdW haben möchtet, könnt ihr auf diese Seite gehen: https://info.brot-fuer-die-welt.de/freiwillige

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst von BfdW wird zu einem großen Teil über das weltwärts-Programm des BMZ finanziert. Damit verbunden werden die Freiwilligenprojekte von BfdW von höherer Ebene aus kontrolliert. Die weiteren Kosten übernimmt das Werk. Um etwas Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und einen Teil der Kosten zu decken, wurden wir Freiwillige gebeten, unter Freunden und Bekannten dafür zu werben, für unser Projekt zu spenden. Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle an alle, die mich unterstützt haben!

BfdW hat momentan etwa 35 Partnerorganisationen in Kambodscha, welche das Werk finanziell und/oder personell unterstützt. Eine davon ist „Save Cambodia’s Wildlife“ (SCW), bei welcher ich über 12 Monate meinen Freiwilligendienst absolvieren werde. SCW befasst sich mit Fragen des Umweltschutzes und der Umwelterhaltung und führt Programme zur Umwelterziehung und Beratung von Gemeinden durch. Die Zielgruppen sind vor allem Kinder, Jugendliche und von gemeindeeigenen natürlichen Ressourcen abhängige Gemeinden in den ländlichen Gebieten. Für mich als Freiwilligen ist vorgesehen, dass ich zur Eingewöhnung zunächst im Büro in Phnom Penh eingesetzt werden soll, um dann die weiteren Monate im Projektgebiet zu verbringen. Meine Aufgaben können variieren und sind u.a.: Besuche der Zielgruppen, Unterstützung des Teams in der Kampagnenarbeit und beim Verfassen von Artikeln, Erstellung von Fragebögen und Flyern, Unterstützung bei der Durchführung von Workshops oder auch das Angebot von Englischunterricht / umweltbildender Maßnahmen an der Schule / Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche in der Gemeinde und Vieles mehr.

Hier ist die Internetseite von SCW: http://cambodiaswildlife.org/

Im Juli 2017 fand ein Ausreisekurs von BfdW für alle Freiwilligen dieses Jahres statt. Mit mir werden vier weitere Freiwillige über BfdW nach Kambodscha gesendet, jedoch arbeiten wir alle vor Ort in unterschiedlichen NGOs. Außerdem gibt es vier weitere Länder, in welche Freiwillige gesendet werden, diese sind Kamerun, Sambia, Costa Rica und Georgien. In dem über 2 Wochen andauernden Ausreisekurs waren wir im Lazarus in Berlin-Mitte untergebracht und hatten täglich spannende Seminare von morgens bis abends. Es ging u.a. um Vielfalt, Kolonialismus und Entwicklungszusammenarbeit, Umweltschutz, Migration und Entwicklung, medizinische Vorträge und Untersuchungen, Sexualität und Beziehung, Konflikte und auch Geschlechterrollen. Dabei waren die Seminare sehr vielfältig; Oftmals erarbeiteten wir Themen mit Rollenspielen, kleinen Schauspielen und vielen kreativen Gruppenarbeiten. Es ging generell viel um das Hinterfragen eigener Werte, Vorstellungen und um Selbstreflexion. Oftmals saßen wir mit den Betreuern auch abends zusammen und redeten über sehr persönliche Sorgen und Anliegen. Der Ausreisekurs hat mit Sicherheit allen Freiwilligen persönlich weitergeholfen und viele zum Nachdenken angeregt. Mich hat die Zeit auf jeden Fall bereits geprägt.

Nun möchte ich ein paar Infos zu Kambodscha einfügen, da ich es wichtig finde, dass man die Hintergründe des Landes ein wenig kennt: Das Land ist durch unzählige Konflikte und Kriege im letzten Jahrhundert stark gezeichnet. Nach Besetzungen durch Thailand und Vietnam und die anschließende Kolonialisierung durch Frankreich erlangte Kambodscha durch einen Guerillakrieg die Unabhängigkeit. Darauf folgten jahrzehntelange Bürgerkriege und Kämpfe wegen des Vietnamkriegs. In den 70er Jahren wurde unter der kommunistischen Herrschaft von Pol Pot etwa ein Viertel der Bevölkerung ermordet, teils organisiert auf bestialische Weise in unzähligen Lagern und Gefängnissen. Heutzutage ist Kambodscha eines der ärmsten Länder der Welt. Durch die gezielte Vernichtung der gebildeten Bevölkerungsschicht durch die roten Khmer fehlt es dem Land an Menschen, welche den wirtschaftlichen Wiederaufbau hätten vorantreiben können.

Heutzutage sind die Einkommensunterschiede sehr groß, viele Menschen sind abhängig von der Landwirtschaft und haben oftmals keinen Zugang zu Bewässerungswasser. Große Teile der Bevölkerung, vor allem in ländlichen Gebieten, sind Analphabeten, da sie keinen oder einen schlechten Zugang zu Bildung haben. Hunger und Unterernährung sind trotz des Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren immer noch ein großes Thema. Durch Überschwemmungen und Trockenheit, die Folge des Klimawandels sind, verschlechtert sich die Ernährungssituation weiter. Das politische System ist stark geprägt durch Korruption. Große Teile der Landflächen wurden an internationale Investoren verkauft, welche dort überwiegend Exportprodukte anbauen; Die eigene Bevölkerung Kambodschas hat davon kaum Nutzen. Ökonomische Interessen einflussreicher Personen, toleriert durch die korrupten politischen Strukturen, führen zu Menschenrechtsverletzungen, Landkonzessionen, gewaltsamen Vertreibungen und Menschenhandel. Teilweise werden Mädchen und Frauen zwangsprostituiert, eine moderne Form des Sklavenhandels. Obwohl seit 1993 demokratische Wahlen stattfinden, fehlt es dem Land an rechtsstaatlichen Verfahren und einem funktionierenden Rechtssystem.

Um die Gesamtsituation in Kambodscha zu verbessern, verfolgt BfdW mit seinen Partnerorganisationen im Land folgende vier Ziele (zusammengefasst):

  • Die Zivilgesellschaft und ihre politische Teilhabe stärken
  • Die Ernährungs- und Einkommenssicherheit für die armen Bevölkerungsgruppen stärken
  • Das nachhaltige Management von Ressourcen, den Schutz der Umwelt und die Klimagerechtigkeit stärken
  • Die Verteilung von Ressourcen, Gütern, Dienstleistungen und Vorsorgeleistungen verbessern

Trotz dieses düsteren Bildes, welches ich mit den oben genannten Fakten vermittle, freue ich mich sehr auf meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Kambodscha. Ich war vor drei Jahren bereits mit meinem Bruder Lukas für eine Woche in dem Land unterwegs und habe diese Zeit sehr gut in Erinnerung. Die Menschen dort sind unglaublich nett und hilfsbereit. Der Großteil der Bevölkerung ist buddhistisch, jedoch auch stark geprägt durch traditionelle Naturglauben. Es gibt viele alte Tempelanlagen aus der Zeit der Khmer (9.-15. Jahrhundert) im Land verteilt. Die Landschaft ist vielseitig und spannend, vor allem im Nordosten des Landes, wo meine Partnerorganisation SCW auch Projekte betreibt, gibt es eine große Artenvielfalt, viel unberührte Natur und indigene Bevölkerungsgruppen. Ich freue mich sehr auf meine nächsten Monate und bin sehr dankbar für die Chance, die mir Brot für die Welt und Save Cambodia’s Wildlife bieten.

Am 07.08.2017 geht mein Flug nach Kambodscha, ich werde dann meinen nächsten Eintrag von dort aus schreiben. Bis dahin,

Euer Martin

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s