Sport, Politik und ein Klaps auf den Po

Gleich zu Beginn: Der angegebene Link führt zu einem Video von SCW, das sehr gut und kompakt über die Themen und Ziele von SCW informiert und die Situation und Probleme auf dem Land veranschaulicht. Diesen Kurzfilm gibt es sogar auf Deutsch. Wer wissen möchte, was ich an SCW so schätze und mit welchen Themen ich mich in dem Jahr auseinandersetzen werde, sollte sich dieses Video unbedingt anschauen, große Empfehlung meinerseits!

https://www.youtube.com/watch?v=kyiHT8ov7sM

Am Donnerstag findet eine Veranstaltung in Phnom Penh statt, genannt Green Night, bei der verschiedene NGOs über ihre Arbeit informieren und man z.B. auch viele Kontakte knüpfen kann. SCW bereitet sich schon länger darauf vor und wird an diesem Abend einen neuen kurzen Dokumentarfilm über die ethnischen Minderheiten (darunter sind viele indigene Gruppen, welche vermehrt in der Umgebung von Flüssen und Wäldern leben) in Kambodscha veröffentlichen. Ich werde dort auch arbeiten und bin schon gespannt, was der Abend bringen wird.

In der letzten Woche habe ich nach dem täglichen Khmer-Unterricht mehr Zeit im Büro verbracht, mich eingelesen und kleinere Aufgaben bewältigt. Außerdem gab ich meine ersten Englischstunden, einige Kollegen im Office sprechen wenig Englisch und freuen sich, wenn sie die Sprache in kleinem Kreise üben können. Da Khmer eine sehr eigene Grammatik, Schrift und Aussprache hat, kann ich verstehen, dass das Erlernen von Englisch (und westlichen Sprachen im Allgemeinen) ihnen viel Mühe kostet.

Die politische Situation ist ein schwieriges Thema in Kambodscha, welches ich mir nur allmählich erschließe. Momentan nimmt es aber noch an Brisanz zu, da nächstes Jahr die Parlamentswahlen anstehen und die seit Jahrzehnten regierende Regierungspartei erstmals richtig in Bedrängnis kommt. Viele vermuten, dass die Regierung die Repressalien gegen kritische Stimmen in den nächsten Monaten erhöhen wird und einen eventuellen Sieg der Opposition bei der Wahl nicht akzeptieren würde. In den letzten Tagen gab es große Schlagzeilen, da die Regierung anscheinend eine amerikanische NGO schließen lässt und deren Mitarbeiter das Land verlassen sollen. Außerdem muss eine der wenigen kritischen Zeitungen, die Cambodia Daily, wegen angeblich hinterzogener Steuern bis Anfang September 6 Millionen Dollar nachzahlen oder schließen.

Mein Leben hier geht vergleichsweise friedlicher zu. Ich fahre mittlerweile täglich zusammen mit Tess mit Rad zur Arbeit. Das sind etwa 6 km schönster Kambodschanischer Verkehr pro Strecke, aber man passt sich sehr schnell an die Regeln an (wenn es welche gibt) und wir schaffen die Strecke auch in etwa 30 min. Da es in der Stadt sehr wenig Grünflächen und wenig Möglichkeiten gibt, regelmäßig Sport zu treiben (außer recht teure Fitness-Studios und verschiedene Sportanlagen zu besuchen wie z.B. Fußball- oder Volleyballfelder, die aber auch nicht so günstig sind), war ich sehr froh, als wir von unseren Sprachlehrern zum Fußballspielen eingeladen wurden an einem Freitagnachmittag. Direkt danach wurde ich wieder gefragt, ob ich am nächsten Morgen um 8 Uhr Fußball auf einem größeren Feld mitspielen möchte. Obwohl ich kein Riesenfan vom Fußball bin und ich den Samstag auch gerne ruhig angegangen wäre, war ich sehr froh über diese Einladung (und die Möglichkeit, Sport zu machen!) und habe dann auch am Samstagmorgen etwas abseits der Stadt mit vielen anderen Khmer-Jugendlichen Fußball gespielt. An einem der folgenden Tage war ich mit Tess auf dem Gelände des Olympic Stadiums Tennis spielen. Seit einer guten Woche verabreden wir Freiwillige uns außerdem jeden Abend vorm Schlafen zu gemeinsamen Fitness-Übungen zusammen im Wohnzimmer (bzw. meinem Schlafzimmer). Möglichkeiten gibt es immer, man muss sie sich nur suchen.

Letzte Woche haben wir von unserer Landesmentorin gelernt, wie man die Frühstück-Khmer-Nudelsuppe kocht, an einem anderen Tag haben wir Crêpes selbstgemacht, um uns ein Stückchen leckere Heimat in die Wohnung zu holen. Am letzten Wochenende waren wir bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung, bei der ein Freiwilliger namens Matthias (einer anderen deutschen Entsendeorganisation) mitgearbeitet hat, im Prison 21 der roten Khmer. Ich war mit Lukas vor drei Jahren bereits dort, jedoch verdeutlicht dieser Ort einem jedes Mal wieder die Grausamkeit und Willkür, die während der Herrschaft der roten Khmer herrschte. Tausende Insassen wurden dort wie Tiere behandelt, gefoltert und hingerichtet.

Diesen Morgen haben wir an einer kleinen geführten Wanderung durch die Provinz abseits von Phnom Penh teilgenommen. Neben der ländlichen und einfachen Gegend gab es dort eine alte Tempelanlage der Khmer zu besichtigen, diese wurde wohl etwa im 12. Jahrhundert erbaut.

So viel zu meinen wichtigsten Neuigkeiten. Langsam gewöhne ich mich an diesen Alltag.

Bis demnächst!

Euer Martin

 

Oh, und eins hätte ich fast vergessen, kleiner Nachtrag: Die Kambodschaner sind generell etwas touchy, leichter Körperkontakt zwischen Männern (z.b. Händchen halten) ist nicht sehr ungewöhnlich. Jedoch geschah diese Woche etwas, womit ich nicht gerechnet hatte; Ich fuhr nach der Arbeit mit Rad nachhause und musste einem Auto ausweichen, welches meine Spur kreuzte, wodurch ich recht nah an ein Tuktuk herankam, welches neben mir fuhr. Der Fahrer gab mir plötzlich einen beherzten Klaps auf meinen Allerwertesten. Ich war ziemlich überrascht und dachte, vllt ärgert er sich über meine Fahrweise oder Sonstiges. Jedoch drehte ich mich in seine Richtung und er lachte mich direkt an, sagte etwas auf Khmer und gestikulierte etwas, was ich aber nicht verstand. Auf Englisch versuchte ich zu erfragen, was der Grund für diese Ehre war, jedoch verstand er mich nicht und lächelte mir nur fröhlich zu. Auch jetzt, nachdem ich mehr Zeit hatte, darüber nachzudenken und verschiedene Leute gefragt habe, die sich hier auskennen, habe ich keine wirkliche Antwort auf dieses Geschehen. Solche fröhlichen Überraschungen werden mir hier sicherlich noch des Öfteren passieren; Verstehen muss man vielleicht nicht alles.

 

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