Erlebnisse und Eingebungen aus dem tiefen Sueden und hohen Nordosten Kambodschas

Als Erstes moechte ich einmal klar stellen, dass ich zwar versuche, die in diesem Blog von mir angesprochenen Themen und Fakten nachzupruefen. Letztendlich gibt mein Blog aber vor allem meine eigenen, persoenlichen Eindruecke wieder und einige Punkte, die ich hier anspreche, sind mit Sicherheit diskutierbar. Andere Dinge, die ich beschreibe, habe ich selbst nur muendlich erfahren und bin mir manchmal auch nicht 100 %ig sicher, ob ich diese so richtig verstanden habe und ob es wirklich stimmt. Da dieser Eintrag wieder seeehr laaang geworden ist, habe ich nun die Bilder getrennt, um es ein wenig uebersichtlicher zu gestalten.

Mitte November fand der diesjaehrige jaehrliche Workshop meiner NGO „Save Cambodia’s Wildlife“ (SCW) statt. Unser komplettes Team, etwa 40 Personen, versammelte sich an einem Montag Morgen vor unserem Buero in Phnom Penh, und nach einem ersten gemeinsamen Gruppenfoto starteten wir mit einem gemieteten Reisebus in Richtung Sihanoukville, wo ich inzwischen schon einige Male war. Jedoch brauchten wir fuer die ca. 220 km etwa 10 Stunden. Reisen durch dieses Land dauern immer deutlich laenger, als man es in Deutschland gewohnt ist. Zum einen liegt dies an den etwas anderen Strassenverhaeltnissen, zum anderen aber auch an der kambodschanischen Einstellung zu Puenktlichkeit und Termineinhaltung. Dieses Mal brauchten wir aber vor allem so lange, da ausgelassene Partystimmung im Bus herrschte. Es wurde von morgens an viel Bier getrunken, Musik aufgedreht, das Mikrofon fuer das Karaoke-Singen wurde herumgereicht und alle paar Kilometer hielten wir an, um neues Bier zu kaufen, etwas zu essen oder sich zu erleichtern. Das Alles war fuer mich keine grosse Ueberraschung, da ich inzwischen ganz gut weiss, wie gerne Khmers in ihrer Freizeit trinken und feiern.

Dazu muss man bedenken, dass viele meiner Kollegen das Jahr ueber in sehr entlegenen Gegenden arbeiten, wo es wenig Abwechslung gibt. Das uebliche Gehalt in Kambodscha, vor allem in der NGO-Szene, ist fuer deutsche Verhaeltnisse sehr gering, und ausserdem nimmt unsere NGO fuer viele Mitarbeiter eine aehnliche Stelle wie die Familie ein, man trennt hier Persoenliches und Geschaeftliches nicht so sehr wie in Deutschland. Wenn nun ein Mal im Jahr alle zusammen eine Woche am Meer verbringen und die Kosten von der Organisation uebernommen werden, ist die Stimmung dementsprechend extrem ausgelassen. Ueberraschend war fuer mich eher, dass diese Feierstimmung den kompletten Tag bis abends ohne Pause anhielt. Was mich dabei jedoch stoert ist die Einteilung in Geschlechterrollen; Die Maenner trinken ein Bier nach dem anderen und fordern sich gegenseitig staendig zum weiteren Trinken auf, waehrend die meisten Frauen derweil keinen oder wenig Alkohol konsumieren und sich insgesamt sehr zurueckhalten. Wenn nun eine maennliche Person wie ich das Ganze etwas ruhiger angehen moechte, trifft man auf viel Unverstaendnis und bekommt hier und da mal eine Antwort wie: „Jetzt trink mal das Bier aus, du bist schliesslich ein Mann“.

Szenen wie diese sieht man oft in Kambodscha, da insgesamt noch ein sehr unterschiedliches Geschlechterbild existiert. Ich versuche einen Mittelweg fuer mich zu finden, zwischen der Anpassung an die Kultur und dem Eintreten fuer bestimmte Werte und Ueberzeugungen. Wir sind in Deutschland auf einem anderen Level, was das angeht, und ich empfinde es als nicht richtig, die Kambodschaner fuer ihr Verhalten gross zu kritisieren. Ich denke, die Aenderung muss aus der Gesellschaft selbst heraus geschehen, das braucht Zeit und Aufklaerungsarbeit. Daher versuche ich, an solchen Feierlichkeiten mit dem richtigen Maß teilzunehmen und habe meistens auch einigen Spass dabei.

An den folgenden Seminartagen sassen dafuer wirklich alle puenktlich morgens im Seminarraum und es wurde strikt nach Plan gearbeitet. Alle aktuellen Projekte unserer NGO wurden vorgetragen, neue Konzepte wurden vorgestellt, ebenso wurde diskutiert. Das Meiste geschah in Khmer, manchmal setzte sich ein Kollege zu uns und uebersetzte uns das Besprochene auf Englisch. Simon (ein Praktikant aus Deutschland, den ich schon mal erwaehnt habe, er arbeitet noch bis Mitte Dezember bei SCW) und ich waren mit einem weiteren Kollegen fuer Teamspiele nach dem Mittagessen zustaendig, um die Atmosphaere wieder aufzulockern und auch den Teamgeist zu staerken. Da unser Hotel direkt am Strand lag, ging es nach Feierabend natuerlich gleich dorthin. Ich schwamm ein bisschen und genoss den Sonnenuntergang, spaeter wurde zusammen viel Seafood gegessen, getrunken und getanzt. Alle drei Seminartage liefen in etwa auf diese Weise ab, bis es am Freitag wieder zurueck ging in die Hauptstadt, natuerlich wieder begleitet mit Karaoke-Musik und Bierkonsum. Diesmal fuhren wir jedoch ueber die ebenfalls am Meer gelegene Provinz Kampot und machten dort zwei Zwischenstopps. Zuerst besuchten wir ein ehemaliges Oeko-Tourismus-Projektgebiet von SCW, welches am Rand des Bokor-Nationalparks liegt. Wir machten dort Halt, um zu essen und zu entspannen. Danach verbrachten wir nochmal etwas Zeit in einem Wasserpark ein paar Kilometer weiter gelegen, die Stimmung war super.

Waehrend meine Kollegen anschliessend endgueltig den Heimweg antraten, liess ich mich in der Stadt Kampot absetzen (diese hat auch den gleichen Namen wie die Provinz), um dort das Wochenende zu verbringen. Kampot hatte eine wichtige Stellung als Hafenstadt waehrend der franzoesischen Kolonialzeit, auch heutzutage sieht man den Einfluss noch sehr deutlich. Direkt an der Flusspromenade gelegen, erinnern die vielen Cafés und Restaurants an eine franzoesische Kleinstadt und bieten diverse leckere, westliche Speisen an.

Ich uebernachtete in einem guenstigen Hostel, mietete mir am naechsten Morgen ein Moped und fuhr damit zum Bokor-Nationalpark. Das war schon eine tolle Erfahrung fuer sich. Man faehrt viele Kilometer Serpentinen den Berg hinauf und hat dabei tolle Aussichten auf Kampot und die Kueste. Wenn man nach einiger Zeit oben auf dem Plateau ankommt, gibt es wiederum mehrere Strassen, die sich kilometerweit durch die Landschaften ziehen. Neben der Moeglichkeit, durch die Landschaft zu cruisen, gibt es auch so Manches zu entdecken: Einen Stausee, einen Wasserfall, eine alte, verfallene Kirche oder auch ein ehemaliges Hotel und Casino aus der Kolonialzeit. Dieses wurde direkt an einer steilen, riesigen Klippe gebaut, etwa 900 kambodschanische Arbeiter kamen waehrend der Bauarbeiten vor knapp 100 Jahren ums Leben. Die Klippe wurde -laut Erzaehlungen- von dem einen oder anderen Gluecksspieler als letzter Ausweg gewaehlt, nachdem das Geld verspielt wurde. Ich konnte von dem Abgrund leider nur etwas erahnen, da es hinter dieser Klippe stark bewoelkt war und die Sicht dadurch sehr eingeschraenkt. Neben diesen historischen Gebaeuden werden momentan aber auch einige Neubauten von chinesischen Investoren in dem Gebiet hochgezogen, unter anderem ein riesiges, pompoeses Hotel und nebenan eine grosse Siedlung.

Am darauffolgenden Tag fuhr ich zur benachbarten Stadt Kep, etwa 30 km entfernt. Kep ist bekannt fuer die dort angebotenen Krabben-Spezialitaeten und den sogenannten Crab-Market direkt am Meer. Ausserdem gibt es in der Region um Kampot und Kep einige Pfeffer-Plantagen, welche verschiedene Pfeffersorten anbauen und in viele Laender exportieren. Bevor ich zurueck in die Stadt Kampot fuhr, um den Bus nach Phnom Penh zu nehmen, schaute ich mir noch fluechtig eine dieser Farmen an, sie liegt etwas abgelegen in einer sehr schoenen Landschaft.

Die folgende Woche arbeitete ich wieder im Buero in Phnom Penh. Meine vier Mitfreiwilligen und ich bastelten uns eigene Weihnachtskalender und fuellten diese gegenseitig mit Kleinigkeiten. Ich habe das Ganze mit Humor genommen und viel Bloedsinn und alberne Ueberraschungen vorbereitet. Weihnachtliche Gefuehle suche ich bis jetzt bei mir vergebens in dieser Umgebung und bei dem warmen, ueberwiegend sonnigen Wetter. Nebenbei bereitete ich mich auf mein naechstes Vorhaben vor, mein Ziel lautete endlich wieder Ratanakiri.

Ein Projekt von SCW mit der Welthungerhilfe (WHH) endet dieses Jahr, daher wird zum Abschluss eine Umfrage in den Projektgebieten durchgefuehrt. Dabei handelt es sich um insgesamt 32 Doerfer, welche in 7 verschiedenen rechtlichen Schutzzonen, den „Community Protected Areas“ (CPAs), organisiert sind. Ueber CPAs hatte ich in einem vorherigen Blogeintrag bereits ein wenig geschrieben. Das uebergeordnete Ziel des Projekts mit der WHH ist die Bewahrung des tropischen Regenwaldes und der Biodiversitaet innerhalb der CPAs. Dafuer wurden die Zielgruppen waehrend des Projektes ueber ihre Landrechte aufgeklaert, um sich gegen externe Akteure wehren zu koennen, es wurden viele Seminare zu nachhaltigem Umgang mit der Umwelt durchgefuehrt, ebenso wurde viel Oeffentlichkeitsarbeit betrieben (der Film ueber die ethnischen Minderheiten Kambodschas, den ich in einem anderen Eintrag vorgestellt habe, ist Teil dieser Oeffentlichkeitsarbeit).

Ein kurzer Einschub zur Problematik: Neben der illegalen Abholzung sind sogenannte „Economic Land Concessions“ (ELCs) ein grosses Problem in Kambodscha. Waehrend der Herrschaft der roten Khmer waren privater Besitz und Besitzansprueche strengstens verboten. Es wurden so gut wie alle Urkunden und Nachweise dahingehend vernichtet. Im Nachhinein war es daher sehr schwierig, ehemalige Besitzansprueche wieder geltend zu machen. In den letzten Jahrzehnten machten sich das viele internationale Unternehmen zu nutze, kauften riesige Flaechen Land fuer ihre Plantagen und vertrieben die Bewohner. Diese Aktivitaeten halten bis heute an, sind mehr oder weniger legal und werden von der korrupten Regierung auch weitestgehend getragen. Fuer die Bewohner ist es sehr schwer, sich juristisch dagegen zu wehren, ausserdem kommt es des Oefteren zu Einschuechterungen durch die Polizei. Mit der Errichtung von Schutzzonen, CPA’s, versucht man, sich dagegen zu wehren und die Dorfbewohner zu schuetzen.

Zu Beginn des dreijaehrigen Projektes mit der WHH wurde eine Umfrage durchgefuehrt, um eine Einschaetzung ueber die aktuelle Situation zu bekommen. Die Zielgruppen wurden nach den oben genannten Themen befragt. Zum Ende dieses Projektes hin wird nun erneut eine Umfrage mit aehnlichen Fragen durchgefuehrt, die Antworten werden ausgewertet und die Ergebnisse mit der ersten Umfrage verglichen. Dadurch kann man abschaetzen, wie erfolgreich das Projekt insgesamt war, in welchen Bereichen man fuer eventuelle neue Projekte weitere Bemuehungen benoetigt usw.

Mir wurde von SCW angeboten, dass ich an dieser vier-taegigen Umfrage in Ratanakiri teilnehmen kann, worueber ich mich sehr freute. Mein Plan war daher, eine Woche in Ratanakiri zu verbringen und anschliessend weiter nach Stung Treng zu fahren, da auch dort ein Buero von SCW ist (genauer gesagt in Siem Pang, wenige Kilometer suedlich von der laotischen Grenze). Diese Provinz liegt direkt neben Ratanakiri und ich habe schon lange vor, eine Woche mit unserem Team dort zu arbeiten und mir ein Bild von dem dortigen Projekt machen zu koennen. Jedoch wurde ich in Ratanakiri von dem zustaendigen Projektmanager Mr. Nimol gebeten, eine Woche laenger zu bleiben und bei dem Verfassen des abschliessenden Berichtes mitzuhelfen, welcher auf die Ergebnisse der Umfrage aufbaut. Da ich mich generell freue, wenn ich gebraucht werde und effektiv mithelfen kann, habe ich zugesagt und meinen Aufenthalt in Stung Treng verschoben. Ich plane nun stattdessen, Anfang naechsten Jahres nach Stung Treng zu fahren.

Fuer die ersten drei Tage der Umfrage fuhr ich mit mehreren Kollegen zu zwei CPA’s namens O’Khampa und O’Tabok, beide liegen nordoestlich von der Stadt Banlung am Tonle San Fluss an der Grenze zum Virachey Park, wo ich vor zwei Monaten bereits in dem Dorf Mondul Yorn war. Die Doerfer dort sind sehr abgelegen und bieten nur sehr einfache Lebensbedingungen, weitestgehend ohne fliessendes Wasser (den Fluss mal ausgenommen) oder Stromversorgung. Die Bewohner gehoeren ueberwiegend zur indigenen Gruppe der „Brao“. Wie die meisten der indigenen Gruppen haben sie ihre eigene Sprache, viele sprechen heutzutage aber auch Khmer. Fuer mich ist es zunaechst schwer ersichtlich, woran man indigene Doerfer erkennt, da viele dieser Doerfer zwar sehr laendlich sind und abgelegen liegen, aber die Bewohner z.B. auch Moped fahren, recht normale Kleidung tragen, viel Plastik nutzen usw. Neben der Sprache gibt es jedoch noch viele andere Besonderheiten, oftmals haben diese Menschen einen anderen vorherrschenden Naturglauben neben dem Buddhismus. Wir uebernachteten die zwei Naechte bei einer Familie, die vor Kurzem ein Neugeborenes bekommen hat. Es ist Brauch, so wurde es mir erklaert, dass die Frauen ihr Kind in einer eigens fuer diesen Nutzen gebauten, kleinen Huette zur Welt bringen. Nach diesem Ereignis wird die Huette wieder abgebrannt, ich habe nur noch vier grosse Pfeiler und ein Haeufchen Asche liegen sehen. In einem anderen Dorf stand eine Topfpflanze vor einem Haus. Ein Kollege erklaerte mir, dies sei ein Zeichen dafuer, dass man dieses Haus nicht betreten darf, da dort etwas Schlechtes passiert sei.

Waehrend der drei Tage fuhren wir quer durch die Doerfer und befragten einen Haushalt nach dem anderen, was gar nicht so einfach war, da viele Bewohner den ganzen Tag ueber auf den Feldern abseits der Doerfer arbeiten und wir manchmal lange nach Interviewpartnern suchen mussten. In den Doerfern wimmelt es von frei herumlaufenden Tieren. Schweine, Hunde, Huehner, Rinder, Katzen und Ziegen, alles Moegliche an Getier trifft man die ganze Zeit ueber. Waehrend der laufenden Interviews habe ich mich oftmals mit anderen Dingen beschaeftigt, da ich noch immer nur wenig verstehe. Zwar ist mein Khmer-Vokabular stetig am wachsen, jedoch reicht es bis jetzt nur fuer Small Talk (und selbst da versage ich des Oefteren) und keine spezielleren Gespraechsthemen. Ich las sehr viel, machte mir Notizen zu verschiedenen Dingen und beobachtete auch viel die Tiere um mich herum, wie sie miteinander umgehen. Vor allem die Schweine und Hunde spielen staendig miteinander, machen viel Unfug und verhalten sich unter diesen Bedingungen einfach sehr anders, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Von den Dorfbewohnern wurde ich oft zu Spezialitaeten wie Jar Wine (auf Deutsch: Wein im Krug?), Reisschnaps, Palmwein, verschiedenen Fruechten oder auch frittierten Insekten eingeladen.

Die Bewohner dort gehen allgemein sehr frueh schlafen, ab 18 Uhr ist es in Kambodscha stets dunkel, ab 19-21 Uhr herrscht bei den meisten Nachtruhe. Dementsprechend frueh steht man auch wieder kurz vor Sonnenaufgang auf. Durch das staendige Kraehen der Haehne und weitere Gerausche habe ich auch nicht viel laenger schlafen koennen als bis 5 Uhr morgens. In dieser Umgebung fuehlte sich dieser Tagesrythmus aber ueberraschend gut fuer mich an. Insgesamt habe ich mich wahrscheinlich noch nie so tiefenentspannt und ruhig gefuehlt wie in diesen Tagen. Ich hatte sehr viel Zeit, ueber allerlei Dinge nachzudenken und zu sinnieren. Andererseits habe ich mich sehr unbeholfen und nutzlos gefuehlt, was die alltaeglichen Dinge angeht wie Kochen und Duschen. Meine Kollegen haben zusammen mit der Familie, bei deren Haus wir in Haengematten schliefen, morgens, mittags und abends fuer uns gekocht, stets mittels Lagerfeuer. Wasser bekamen wir aus einem Brunnen. Es gab mal Produkte wie Dosenfisch und Instant-Nudeln, vor allem aber lokale Erzeugnisse wie Eier, frischer Fisch aus dem Fluss, verschiedenes Gemuese und nicht zu vergessen, wie immer viel Reis. Ich bin immer wieder ueberrascht, wie gut das alles schmeckt und wie gerne ich in solchen Situationen z.B. Kochfisch esse, welchem ich in Deutschland gerne aus dem Weg gegangen bin.

Auch wenn es ums Duschen geht, tauchten bei mir so einige Fragezeichen auf, wenn man nur eine Schuessel, eine kleine Kelle und Wasser hat, welches man aus dem tiefen Brunnen holt. Die Stelle zum Duschen lag frei sichtbar nur wenige Meter vom Haus entfernt und fuer die Bewohner kommt es auch unter diesen Bedingungen nicht in Frage, sich vor anderen komplett auszuziehen. Sie benutzen zum Duschen ein leichtes Tuch, welches sie sich um die Huefte binden. Ich habe daher auch meine Boxershorts anbehalten, aber frage mich immer noch ein wenig, wie man bestimmte markante Koerperstellen auf diese Weise richtig waescht. Schon in dieser kurzen Zeit, die ich in den Doerfern verbracht habe, habe ich mich zum Ende hin mit vielen Situationen wohler und vertrauter gefuehlt und musste auch nicht mehr so viel nachgruebeln. Man gewoehnt sich viel schneller an ein neues Umfeld, als man oft denkt.

Nach diesen zwei Naechten fuhren wir zurueck in die Kleinstadt Banlung. Um weitere Interviews in einer anderen CPA namens O’Koki vornehmen zu koennen, welche suedwestlich der Stadt liegt, machten wir uns am vierten Tag erneut mit Mopeds auf den Weg. Hier leben Menschen, welche zur ethnischen Minderheit der „Khmer-Lao“ gehoeren. Sie wohnen ebenfalls traditionell am Fluss, jedoch sind viele der Dorfbewohner inzwischen direkt an die Hauptstrasse gezogen. Ein Kollege erklaerte mir, dass die Gruende dafuer vor allem starke Ueberflutungen und Hochwasser seien, welche, durch den Klimawandel verursacht, in den letzten Jahren vermehrt auftreten wuerden.

Der CPA-Chef von O’Koki erzaehlte mir nach unserem Interview von dem Problem der illegalen Abholzung. Die Akteure wuerden manchmal des Nachts in seine CPA eindringen. Bei dem Versuch der Dorfbewohner, dagegen vorzugehen, wurden sie mit Waffen bedroht, in solchen Situationen haetten sie Angst und koennten sich nicht wehren. Ein anderer Dorfbewohner beklagte sich an einem vorherigen Tag bei mir, dass unser Projekt zu stark auf rechtliche Aufklaerung und den nachhaltigen Umgang mit Resourcen abzielte, aber die finanzielle Foerderung und Moeglichkeiten zu alternativen Einkommen vernachlaessigt wurden. Viele der Dorfbewohner seien immer noch sehr arm. Sie haetten gerne auch ein Oeko-Tourismus-Projekt oder andere Moeglichkeiten der Finanzierung. SCW legt sein Hauptaugenmerk in der letzten Zeit vermehrt auf die Etablierung von Social Business und Oeko-Tourismus. Dies habe ich in den letzten Monaten manchmal etwas hinterfragt, da der positive Beitrag zum Umweltschutz fuer mich darin nicht so direkt ersichtlich ist, jedoch bin ich inzwischen auch mehr und mehr ueberzeugt davon, dass diese Projekte auf lange Sicht viel bewirken koennen und anscheinend von grossen Teilen unserer Zielgruppen erwuenscht sind.

Ich finde es erstaunlich, wie die Kambodschaner mir durchweg positiv begegnen, nicht nur weil ich ein „Weisser“ bin, sondern vor allem, sobald sie hoeren, dass ich aus Deutschland komme. Ich muss immer wieder an eine Art von positivem Rassismus denken und habe mal nachgeschaut, diesen Begriff gibt es anscheinend tatsaechlich. Man sieht staendig Schilder und Hinweise an vielen Orten auf dem Land, was alles von der EU und des Oefteren auch von Deutschland gefoerdert wurde. Kambodscha ist so weit entfernt und im Vergleich zu vielen anderen Laendern politisch und wirtschaftlich recht unbedeutend fuer Deutschland, wuerde ich behaupten. Auch bei „Brot fuer die Welt“ habe ich einiges Neues ueber unsere Entwicklungszusammenarbeit gelernt und war doch erstaunt, was unser Land alles im Ausland leistet. Viele Menschen in Kambodscha sind sehr dankbar dafuer und haben von Deutschland und der ganzen westlichen Welt ein deutlich positiveres Bild, als ich es erwartet haette. Ich denke, die Aussenpolitik der EU und USA sind nicht umsonst so stark umstritten. Kambodscha hat waehrend der Kolonialzeit und waehrend des Vietnamkriegs stark durch die westliche Politik gelitten. Und doch merke ich auch fuer mich, dass ich mein Heimatland und unsere aktuelle Aussenpolitik von hier aus in einem deutlich positiveren Licht sehe als in der Vergangenheit. Neben all den politischen Problemen und Krisen, die man taeglich in deutschen Zeitungen liest, finde ich es auf eine bestimmte Art auch mal wichtig aufzuzeigen, was Deutschland international leistet und wieviele positive Meldungen und gute Nachrichten unsere Entwicklungszusammenarbeit auch taeglich hervorbringt.

Was mich in den letzten Wochen ebenfalls sehr nachdenklich gemacht hat, ist die Rolle, in der ich mich selbst sehe und in welcher ich von anderen wahrgenommen werde. Ich selbst fuehle mich immer noch als „Student“. ich habe jahrelang Biotechnologie studiert und werde damit evtl. auch nach meinem Freiwilligendienst fortfahren, habe mich sehr fuer dieses Feld begeistert und nebenbei viele Sportarten ausgeuebt, die mich in meinem eigenen Bild auch zu der Person machen, die ich heute bin. Meine Freunde in Deutschland kennen mich und meine Hintergruende. Seit ich jedoch in Kambodscha bin, habe ich das Gefuehl, von manchen Leuten total anders wahrgenommen zu werden, als ich mich selbst sehe. Die Meisten interessiert natuerlich auch nicht, was meine Hobbys bis vor ein paar Monaten waren, was ich die letzten Jahre neben meinem Studium gemacht habe usw. Fuer Touristen bin ich oftmals ein Local, der sich in Kambodscha auskennt und die Sprache spricht (Beide Behauptungen moechte ich aber groesstenteils verneinen). Fuer viele Khmers bin ich der Deutsche, ein Vertreter fuer SCW. Von manchen meiner Kollegen werde ich wiederum gerne nur mit „Teacher“ angesprochen, auch wenn ich versuche, ihnen das wieder auszureden, weil ich so nicht wahrgenommen werden moechte (Mein Englisch ist wahrlich nicht das beste und im Vermitteln dieser Sprache fuehle ich mich sehr tollpatschig). Das klingt natuerlich logisch, dass mich die Menschen hier nicht kennen und ganz anders kennenlernen, als ich mich vor Kurzem noch beschrieben haette, jedoch macht mich das wirklich sehr nachdenklich, wie schnell sich meine Identitaet in den Augen Anderer aendert.

Das aktuelle Wochenende habe ich viel Zeit in dem Guesthouse verbracht, wo ich waehrend meines Aufenthaltes in Ratanakiri einquartiert bin. Es gibt gutes Essen in Banlung, einen Pool direkt bei meiner Unterkunft, ich habe ein Einzelzimmer und weiss gar nicht wohin mit so viel Privatsphaere und Freizeit (man bemerke den Umfang dieses Eintrages). Nebenbei mache ich kleinere Touren im Umland von Banlung und habe auch -endlich- den Katieng Wasserfall erreichen koennen, was mir vor zwei Monaten wegen der katastrophalen Strassenbedingungen (da war auch noch Regensaison) nicht gelungen ist. Teilweise fuehle ich mich hier etwas einsam, meine Kollegen beziehen mich aber auch ein in ihre privaten Aktivitaeten und man trifft staendig sympathische Menschen. Vor allem ist die Umgebung hier so schoen und entspannt, dass ich mir immer wieder klar machen muss, dass ich doch offiziell wegen meiner Arbeit hier bin. In der kommenden Woche helfe ich dem Projektmanager beim Verfassen des Berichtes und werde wahrscheinlich in ca. einer Woche zurueck nach Phnom Penh fahren.

Ich bin gespannt, was mir meine Mitfreiwilligen in den Kalender gepackt haben und wie ihre Reaktionen auf meine kreativen Bloedeleien ausfallen werden. Ausserdem kann ich dann endlich ein Weihnachtspaket mit Suessigkeiten auspacken, welches mir meine Eltern liebenswuerdigerweise geschickt haben, inzwischen ist wohl sogar ein zweites auf dem Weg. Heiligabend und Neujahr werde ich mit meinem Bruder Lukas in Indonesien verbringen: Wir landen beide am 23. Dezember am Flughafen von Jakarta auf der Insel Java und haben dann zwei Wochen Zeit, um uns in Richtung Osten zur Insel Bali durchzuschlagen, von wo wir unsere Rueckfluege gebucht haben. Hoffentlich bricht der seit Wochen dahinbrodelnde Vulkan Mount Agung auf Bali bis dahin mal mit gezuegelter Intensitaet aus, damit wieder Ruhe im Schacht ist und wir uns auf unsere Rueckfluege verlassen koennen. Ich freue mich sehr auf die bevorstehende Zeit mit Lukas und werde meinen naechsten Eintrag voraussichtlich im neuen Jahr schreiben, sobald ich zurueck bin.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, diesen Eintrag vollstaendig zu lesen: Respekt.

Liebe Gruesse und eine schoene Adventszeit,

Euer Martin

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2 Kommentare zu „Erlebnisse und Eingebungen aus dem tiefen Sueden und hohen Nordosten Kambodschas

  1. Hallo Martin, ich habe den Bericht schon vor langer Zeit gelesen und fand ihn wirklich kurzweilig. Sprich: Es macht Spass deine Eintragungen zu lesen auch wenn es wie dieses Mal ein ganzes Buch füllen würden. Den Kommemtar gibts erst Heute weil das Internet DOOF war und plötzlich alles BLAU war. Keine Ahnung….
    Die Geschichre mit dem Identitätswechsel fand ich auch sehr spannend weil ich das auch auf Arbeit schon des Öferen erlebt habe und in der Behindertenhilfe auch von einem Tag auf den Anderren von Schüler zum Lehrer. Du wirst mit der Zeit die Wahrnehmung der Leute akzeptieren und lernen sie so anzunehmen und damit auch an Selbstverrauen und Ausstrahlung gewinnen. Das mein liebes Kind ist ein wichtiger Entwicklungsschritt auf dem Weg ins Leben. Profitiere davon und mach dich nicht kleiner als du bist. Ich hab dich lieb und bin sehr froh und stolz auf dich mein Sohn. Deine Mama.

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