Motorrad-Trips zu unseren Doerfern, Zwischenseminar in Kampot und ein Jugend-Camp in Mondul Yorn

In den beiden anschliessenden Tagen, direkt nach meinem letzten Blogeintrag, fuhren mehrere Kollegen und ich gemeinsam zu zwei abgelegenen Doerfern, welche in CFis (Community Fisheries – Schutzzonen, die Doerfer und Abschnitte von Fluessen umfassen) organisiert sind und durch SCW unterstuetzt werden, um den Bewohnern Material fuer die Durchfuehrung von Patrollien zu uebergeben. Die Fahrt zur nordwestlich von Banlung und am Tonle San Fluss gelegenen CFi Hatpak war eine der verruecktesten und komischsten Unternehmungen, die ich in meinem Freiwilligendienst erlebt habe. Die Strecke dorthin umfasst etwa 60 km, ein Grossteil davon besteht aber aus Sandwegen und kleinen, engen Pfaden im Wald, welche mit Auto ueberhaupt nicht befahrbar sind. Ich bin die meiste Zeit im ersten oder zweiten Gang gefahren, blieb staendig im Sand stecken und musste mich unzaehlige Male abfangen, weil mein Moped zur Seite wegrutschte. Gefaehrlich war es wegen des meist langsamen Tempos nicht so sehr. Meine Kollegen stellten sich deutlich besser an in diesem Terrain und mussten oft auf mich warten, wenn ich wieder und wieder mein Moped aus den Sandgruben befreite. Als wir in Hatpak ankamen, bekamen wir dort Mittagessen, ruhten uns ein wenig aus und uebergaben Patrolling-Material an das Komitee der CFi, u.a. Schwimmwesten, Taschenlampen, eine Digitalkamera und Zelte.

Dann ging es ueber einen anderen Weg wieder zurueck nach Banlung, die Bedingungen waren aber keineswegs besser. Durch die Hitze und das sehr trockene Wetter wurde die Unternehmung auf Dauer unangenehm und ich hatte irgendwann wirklich Sorgen, ob ich es mit meinem verbliebenen Sprit im Tank noch zurueck schaffe. Die meiste Zeit wusste ich nicht, ob ich wegen der ganzen Situation lachen oder verzweifeln sollte. Im Nachhinein war das Ganze aber ein kleines Abenteuer, an das ich mich noch lange erinnern werde. Kurz vor Banlung kamen wir – fuer mich ueberraschend, da ich nach einer 10-Stunden Unternehmung ploetzlich wieder wusste, wo wir waren – an dem Cha Ong Wasserfall vorbei, welchen ich vor einem halben Jahr bereits mit Simon besichtigt hatte. Das frische Wasser und die tolle Aussicht dort waren eine kleine Belohnung fuer uns am Ende des Tages.

Am naechsten Morgen brachen wir wieder auf, diesmal zum Lumphat Wildlife Sanctuary, wo wir ebenfalls Patrolling Material an die CFi Kengsan uebergeben wollten, welche suedlich in dem Naturschutzgebiet am Tonle Srepok Fluss liegt. Ich hatte mich nach dem vorherigen Tag nach etwas Entspannung gesehnt und wollte solch eine Tour ungern sofort wieder machen. Diesmal waren wir aber eine groessere Gruppe und der Weg war nicht so katastrophal und langwierig. Nicht weit vom Dorf entfernt passierten wir ein Gebiet, in dem momentan die Waldflaeche von einem Unternehmen komplett gerodet wird, welches diese Flaeche von der Regierung aufgekauft hat, um dort Plantagen anzubauen. (Stichwort Economic Land Concessions, ELCs)

Nach diesen Touren habe ich einigen Respekt fuer meine Kollegen. Fuer sie sind diese Fahrten recht „normaler“ Arbeitsalltag, da sie fuer unsere Projekte regelmaessig in weit verstreute Doerfer fahren muessen. Uebrigens kann man zu beiden CFis auch mit Boot gelangen und sich die beschwerliche Mopedtour dorthin sparen, jedoch ist das ziemlich teuer. Daher sind meine Kollegen dazu angewiesen, moeglichst mit Moped zu fahren, solange es einigermassen machbar ist. In der Regenzeit sind diese Wege ueberwiegend unbefahrbar, dann sind diese abgelegenen Doerfer nur noch ueber den Fluss erreichbar.

 

In der anschliessenden Woche fand das Zwischenseminar von Brot fuer die Welt statt. Neben meinen vier Mitfreiwilligen nahmen auch noch andere deutsche Freiwillige von zwei anderen Entsende-Organisationen teil. Das Seminar wurde von unserer Landesmentorin Limheang Brak und unserem Mentor aus Deutschland, Simon Toewe von BfdW, geleitet. Wir hatten eine sehr schoene Unterkunft im Sueden Kambodschas in der Provinz Kampot. Sechs Tage lang beschaeftigten wir uns mit Themen und Problemstellungen, welche uns im Laufe des Freiwilligendienstes in Kambodscha begegnen. Zum Beispiel ging es um Frustration und Loesungswege, white privilege (das Privileg, welches man als Weisser taeglich in einem Entwicklungsland erfaehrt), Feminismus, Entwicklungszusammenarbeit und deren kritische Hinterfragung, kulturelle Problemstellungen, Rassismus und die Rueckkehr nach Deutschland. Ab und zu wurden die Themen mit etwas Theorie und wissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt, ein Grossteil des Seminars wurde aber durch Selbstreflexion und Gruppenarbeiten abgehalten. Da ich momentan insgesamt sehr zufrieden bin und Vieles gut gelaufen ist fuer mich in diesem Freiwilligendienst (vor allem, da ich mit dem Einsatz bei Save Cambodia’s Wildlife als Partnerorganisation viel Glueck habe), ging mir persoenlich das Seminar nicht so nahe. Es hat mich aber wieder nachdenklicher gestimmt und ein etwas mulmiges Gefuehl hinterlassen.

Zum Ende des Seminars fuhren wir zusammen wieder zurueck nach Phnom Penh und ich nahm am naechsten Tag an einem Dodgeball-Turnier teil, auf das ich mich seit langer Zeit gefreut hatte. Zum einen, da ich nach einigen Wochen wieder viele Freunde traf und zum anderen, weil das Event von vielen Spielern seit Monaten beschworen wurde. Alle Teilnehmer wurden in Gruppen eingeteilt, welche sich jeweils einen kreativen Teamnamen -passend zu einem Film- ausdenken mussten, dazu Kostueme und eine Choreographie entwarfen, welche sie mit der passenden Filmmusik vorfuehrten. Mein Team hiess „Smurfdodgers“ (Smurf = Schlumpf und to dodge = ausweichen), ich war also ein Schlumpf. Natuerlich wurden auch viele Dodgeball-Spiele gespielt und am Ende ein Gewinner gekuert (mein Team wurde sechster von insgesamt acht Teams), der Spass stand aber im Vordergrund. Abends hatten wir eine Aftershow-Party.

 

Nach diesem Wochenende ging ich am Montag fuer ein paar Stunden in unser Hauptbueuro von SCW, um ein paar Angelegenheiten mit meinen Kollegen zu besprechen, anschliessend nahm ich einen Nachtbus zurueck nach Ratanakiri. Der Nachtbus hatte unterwegs einen Schaden, wodurch wir einige Stunden auf der Stelle standen, bis wir einen Ersatzbus bekamen, welcher jedoch auch wieder einige Probleme auf der Strecke machte. Letztendlich dauerte die Fahrt 14,5 Stunden fuer eine Streckenlaenge von etwa 500 km.

Ich wollte moeglichst schnell wieder in Ratanakiri sein, da ich zwei wichtige Ereignisse hatte. In dieser Woche heirateten zwei Kollegen von mir, welche in Siem Pang arbeiten und welche ich sehr mag, die Hochzeit wollte ich daher nicht missen. Das Event fand in der Nachbarprovinz Stung Treng statt, ein Kollege nahm mich in seinem Auto mit. Da SCW in den folgenden Tagen eh einen wichtigen Projektbesuch mit einem unserer internationalen Partner, den Johannitern, in der Provinz Kratie organisierte, war fast das gesamte Team von uns anwesend, auch viele meiner Kollegen aus Phnom Penh. Die Hochzeitsparty hat mir recht viel Spass gemacht, zwischendurch „musste“ ich mit meinen Kollegen auch auf der Buehne tanzen. Am naechsten Morgen unternahm unser Team noch einen gemeinsamen Ausflug zu einer Oeko-Tourismus Stelle am Sesan Fluss. Danach trennten sich unsere Wege wieder, ich fuhr mit ein paar Kollegen zurueck nach Ratanakiri.

Zu dem Feldbesuch in Kratie konnte ich nicht mitkommen, da unser Partner Oxfam zur gleichen Zeit ein Jugendcamp in unserem weit abgelegenen Oeko-Tourismus-Dorf Mondul Yorn, in welchem ich letztes Jahr fuer zwei Tage mit Andrea und Simon war, veranstaltete. SCW stellte die notwendige technische Versorgung bereit. Da 25 jugendliche Teilnehmer von Oxfam eingeladen wurden und zudem einige Mitarbeiter von Oxfam und SCW mehrere Tage in dem Dorf an der Grenze des Virachey Nationalparks verbringen sollten, mussten genuegend sanitaere Anlagen, Schlafmoeglichkeiten und die Nahrungsversorgung organisiert werden, was gar nicht so einfach ist, da man etwa zwei Stunden mit Boot vom naechsten Ort dorthin benoetigt. Ich wollte zwar gerne mithelfen, jedoch erledigten meine Kollegen das meiste schon viele Tage vorher und letztendlich war ich eher ein Teilnehmer des Jugendcamps als ein Organisator.

Das Motto des Jugendcamps lautete „Racing up the Mekong“. Es ging um umweltpolitische Themen in den Mekong-Laendern, besonders im Hinblick auf natuerliche Ressourcen wie Wasser, Fisch oder Wald. Die Teilnehmer waren jugendliche Aktivisten aus Thailand, Kambodscha, Vietnam, Laos und Myanmar. Ich fand es sehr spannend, so viele verschiedene junge Menschen, welche sich fuer Umweltschutz stark machen, an diesem besonderen Ort fuer mehrere Tage zu versammeln und zusammen fuer uns wichtige Themen zu besprechen. In dem Seminar konnten alle Teilnehmer ueber ihre Erfahrungen zu Umweltproblemen in ihren Laendern berichten. Viele der Probleme, welche ich in diesem Blog anspreche, existieren so oder in aehnlichen Formen auch in den anderen Laendern Suedostasiens. Wir lernten Grundlegendes ueber Projektplanung und sozialpolitische Bewegungen, insgesamt ging es viel um die Motivation und Bestaerkung der Teilnehmer in ihrem Engagement.

Wir wurden morgens, mittags und abends mit Khmer-Essen bekocht, die Dusche (wie in anderen abgelegenen Doerfern besteht diese in Mondul Yorn aus einer Tonne mit (Fluss-)Wasser und einer Schoepfkelle) wurde von den meisten Teilnehmern durch ein gemeinsames Baden und Waschen am Nachmittag im Fluss ersetzt. Fuer mich waren diese Umstaende ziemlich angenehm, ich habe deutliche Unterschiede in meinem allgemeinen Wohlbefinden gespuert, verglichen zu meinem letzten Aufenthalt im Oktober. Ich finde, es laesst sich sich auch unter den einfachsten Umstaenden wirklich gut leben, wenn man sich nur darauf einlaesst. Die Umgebung und Natur in Mondul Yorn kompensieren Vieles, was man vielleicht aus dem Stadtleben missen koennte. Zumindest fuer die Dauer von ein paar Tagen.

Am letzten Tag unternahmen wir vor dem Rueckweg nach Banlung noch eine Trekking-Tour durch den Wald, begleitet von zwei Rangern des Virachey Nationalparks, einem Polizisten und mehreren Dorfbewohnern. Die Tour war diesmal deutlich leichter als bei meinem letzten Aufenthalt, da wir uns in der Trockenzeit befinden. Es ist nicht so schwuel, der Boden ist fest und nicht schlammig. Die Baeche, die wir vor einem halben Jahr ueberqueren mussten, sind fast alle trocken und mir ist zum Beispiel auch keine Einzige der grossen Netzspinnen begegnet, in welche ich damals mehrere Male fast hineingelaufen bin.

Hier ist der Beitrag auf der Facebook-Seite von Oxfam zu diesem Event: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.975230349320986.1073741836.228836690627026&type=3

 

Zum Ende dieses Eintrages moechte ich noch ein paar Gedanken aufschreiben, welche ich mir in der letzten Zeit gemacht habe und welche vor allem durch das Zwischenseminar fuer mich besser greifbar geworden sind, da wir Einiges davon dort behandelt haben. Ich mische nun jedoch viele Zusammenhaenge durcheinander und bitte darum, nicht jedes Wort in die Waagschale zu legen. Ich habe das Gefuehl, ein paar Sachen erklaeren zu muessen, wie ich sie sehe.

Viele Menschen in Deutschland haben ein vereinfachtes Bild von Entwicklungslaendern, wahrscheinlich die Meisten von uns, die sich nicht intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Das ist nicht unbedingt unsere Schuld, aber es ist gut, wenn uns das bewusst ist und wir dieses Bild somit hinterfragen koennen. Wenn ich nur das Wort Afrika nenne, denken Viele von uns wahrscheinlich schnell an einen riesigen Kontinenten mit vielen ausgemergelten, armen Menschen und Kindern, welche jeden Tag fuerchten muessen, nicht genug Nahrung zu haben und auf Hilfe aus dem globalen Norden, von den Weissen, hoffen. Ich jedenfalls ertappe mich immer wieder dabei, dass ich solche Assoziationen im Kopf habe. Viele Plakate und Spendenaufrufe haben daran Mitschuld. Dabei ist auch Afrika solch ein vielfaeltiger Kontinent, mit unzaehligen reichen Kulturen und Menschen, welche mit solch einem Bild einfach komplett falsch beschrieben werden. Das Gleiche gilt fuer Kambodscha. Ich schreibe diesen Blog, um zu zeigen, wie vielfaeltig dieses Land ist, mit all den schoenen Seiten, aber natuerlich auch seinen Problemen. Fuer manche Europaeer ist Kambodscha eher ein dunkler Fleck zwischen Vietnam und Thailand. Ein armes Land, in dem staendig Frauen vergewaltigt werden. Solche Aussagen habe ich in dieser Form leider wirklich schon mehrmals gehoert.

Kambodscha ist offiziell ein Entwicklungsland. Aber was bedeutet das? In Europa setzen wir unsere Lebensbedingungen gerne als Standart und schauen dann auf andere Laender, welche Entwicklungen diese vollfuehren muessen, um unsere Lebensbedingungen zu erreichen. Entwicklung wird hierbei also als ein ziemlich linearer Weg angesehen. Wir sind das Ziel, das Vorzeigemodell fuer unterentwickelte Laender. Dass andere Laender vielleicht andere Ziele anstreben und auch einen anderen Weg gehen sollten, um den Menschen ein gutes Leben zu gewaehrleisten, das ist fuer uns eher schwer nachvollziehbar.

Die Menschen in diesem Land verdienen im Durchschnitt viel weniger als wir in Deutschland. Viele Kambodschaner koennen sich Arztbesuche oder Urlaub gar nicht leisten. Jedoch definieren wir Reichtum vor allem durch die Menge an Vermoegen, welches wir besitzen. Meine Organisation SCW arbeitet vorwiegend mit den aermeren Bevoelkerungsgruppen in Kambodscha. Viele dieser Menschen sind aber nicht an einem modernen Stadtleben interessiert, wie man es erwarten koennte. Manche Farmer beispielsweise, welche von SCW im Laufe eines Projektes einen kleinen Handtraktor erhalten haben, haben dies anschliessend ein wenig kritisiert und haetten stattdessen lieber einen Ochsen als Hilfsmittel.

Fuer viele dieser Menschen spielt es eine wichtige Rolle, dass ihr Fluss auch in Zukunft noch genug Fische enthaelt, dass sie die Ressourcen des Waldes weiterhin fuer sich nutzen koennen und geschuetzt wissen und dass sie diesen Lebensstandart einmal an ihre Kinder weitergeben koennen. Viele enteignete Bewohner in Ratanakiri, deren Land von Grossen Firmen aufgekauft wird, werden von der Regierung in neue Siedlungen entlang der Hauptstrassen umgesiedelt. Fuer die Betroffenen ist das aber meistens eine Katastrophe, weil sie damit ihre Lebensgrundlagen komplett verlieren, welche sie aus dem nun unzugaenglichen Fluss oder Wald ziehen.

Diese Lebensgrundlagen der Menschen sind durch viele Faktoren bedroht. Grosskonzerne mit ihren Plantagen, die achtlose Politik der Regierung, der Klimawandel, der in Kambodscha schon deutliche Auswirkungen zeigt, Umweltzerstoerung und die Ausbeutung der natuerlichen Ressourcen fuehren dazu, dass viele Menschen in Kambodscha ihren traditionellen Lebensstil aufgeben muessen und neue Einkommensmoeglichkeiten suchen. Viele dieser Faktoren sind in einem nicht unerheblichen Anteil durch unseren Lebensstil in den reicheren Laendern verursacht. Ein sehr grosser Anteil der Produkte, welche auf den Plantagen in Ratanakiri produziert werden, wird in andere Laender exportiert und dort weiterverarbeitet.

Ich habe waehrend meines Freiwilligendienstes manche Nachrichten bekommen, in denen ich – etwas zynisch – als selbstloser Weltverbesserer bezeichnet werde oder mir Respekt gezollt wird, weil ich so mutig bin, lange Zeit in einem so armen Land zu leben. In diesem Land gibt es jedoch riesige Gegensaetze, auch hier gibt es arm und reich. In Phnom Penh sieht man staendig Luxuskarren durch die Gegend fahren, und neben kleinen kaputten Huetten, in denen ganze Familien wohnen, stehen Werbetafeln, welche ueber den neuesten Schnickschnack informieren. Wenn man Geld hat, kann man in diesem Land richtig gut leben. Und da man so Vieles hier sehr guenstig bekommt, braucht man fuer einen aehnlichen Lebensstandart, den man in Deutschland geniesst, weniger Geld.

Um es einmal deutlich zu sagen: Mir geht es hier sehr gut. Vielleicht deutlich besser als in Deutschland, wo ich nicht taeglich auswaerts essen kann, ein Haarschnitt mehr als ein paar Dollar kostet oder man fuer ein Wochenende am Traumstrand ein Vielfaches ausgeben muesste. Hinzu kommt das Privileg, durch welches ich hier staendig von jedem freundlich behandelt werde und so viele Moeglichkeiten habe, welche mir in Deutschland verwehrt bleiben. Dieses Privileg habe ich hier, weil ich ein weisser, maennlicher und „gebildeter“ Mensch bin. Es hat also nichts mit hartem Fleiss oder Sonstigen zu tun, dass ich hier so gut behandelt werde, sondern vor allem mit Glueck. Das Glueck, dass ich in Deutschland geboren wurde, eine (im internationalen Vergleich) sehr gute Schulausbildung genossen habe und eine Familie habe, welche mich bedingungslos immer in Allem unterstuetzt hat.

Durch diese Faktoren erfaehrt man einen sozialen Aufstieg, wenn man in ein Land wie Kambodscha kommt. Ich werde von vielen Menschen mit viel Respekt und Begeisterung behandelt, was ich als Student in Deutschland in dieser Weise nicht erfahren habe. Das fuehlt sich ehrlich gesagt oft richtig gut an, bekommt aber einen sehr seltsamen Beigeschmack, je mehr man darueber nachdenkt. Ich schreibe dieses Ansehen gerne auch mal meinem Charakter zu, weiche damit aber nur der Wahrheit aus. Man nennt dieses Phaenomen „white privilege“. So manche Person, welche in Deutschland als Verlierer gilt, bekommt hier aufgrund ihrer Herkunft ganz neue Moeglichkeiten.

Zusaetzlich zu diesem guten Leben, was man hier fuehrt, kann man in der Heimat behaupten, sich mit dieser Arbeit selbstlos fuer etwas Gutes einzusetzen und den „armen“ Menschen zu helfen. Jedoch lerne ich auch nach einigen Monaten in Kambodscha taeglich noch immer viel Neues, weil meine Kollegen und Mitmenschen in diesen Themengebieten, mit welchen ich mich bei SCW beschaeftige, viel besser Bescheid wissen als ich. Selbstlos ist dieses Leben in den meisten Faellen auch ganz und gar nicht, man zieht sehr viele Vorteile daraus. Und wirklich hart arbeiten musste ich hier auch noch nicht (hoffentlich liest das niemand von SCW).

Ich denke, es wuerde mir nicht allzu schwer fallen, nach diesem Jahr vorerst in Kambodscha zu bleiben. Es gibt viele Leute aus den reicheren Laendern, welche nach Kambodscha kommen und mit kleineren Jobs, z.B. als Englischlehrer, ein gutes Leben fuehren. Die Rueckkehr nach Deutschland hingegen wird mir vielleicht schwerer fallen, weil ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurueckfinden muss und die Blase platzt, welche mich hier momentan umgibt. Und ich kann momentan schwer abschaetzen, wie gross diese Blase ist.

Natuerlich moechte ich meine Zeit in Kambodscha fuer Gutes einsetzen und hoffe, dass ich mit meinem Freiwilligendienst einen kleinen positiven Beitrag fuer meine momentane Umwelt leisten kann. Ich habe aber mindestens genauso viel Respekt vor vielen Menschen in Deutschland, welche jeden Tag ihrem Job nachgehen. Und es gibt zusaetzlich viele gute Gruende, die Rolle von Menschen wie mir in Entwicklungslaendern kritisch zu hinterfragen.

Ich hoffe, mit meinen Aussagen niemanden zu kraenken. Ich moechte das ganze Thema nur ein wenig fuer Diejenigen erlaeutern, welche sich damit noch nicht befasst haben. Fuer mich ist das alles auch recht neues Wissen, welches ich vor allem durch die Seminare mit Brot fuer die Welt und die Erfahrungen der letzten Monate erlangt habe. Ausserdem habe ich in vielen Saetzen generalisiert und viele Menschen in einen Topf geworfen, was natuerlich nicht gut ist.

Liebe Gruesse (von mir und den Aerzten, der Song passt gerade gut),

Euer Martin

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