Nordvietnam, Khmer New Year und die Hochzeit meiner Gastschwester

Obwohl in der letzten Zeit so viel Abwechslung fuer mich herrschte und ich mich schon etwas schuldig fuehle, nahm ich Anfang April eine Woche Urlaub. Freunde aus Phnom Penh hatten mich gefragt, ob ich mit ihnen zusammen eine Motorradtour im Norden Vietnams machen moechte. Ich flog von Siem Reap nach Hanoi und traf dort zunaechst eine vietnamesische Freundin namens Karen, die ich im Mondul Yorn-Jugendcamp kennengelernt habe. Sie spielte meinen persoenlichen Guide fuer eine Sightseeing-Tour und zeigte mir viele interessante Orte und lokale Spezialitaeten. Anschliessend traf ich abends meine Freunde aus Phnom Penh und wir fuhren zusammen mit dem Bus weiter in den Norden zur Stadt Ha Giang.

Dort mieteten wir uns Mopeds und fuhren drei Tage lang hunderte Kilometer Serpentinen durch eine unglaublich beeindruckende Gebirgslandschaft. Ich war wirklich begeistert und staendig am Staunen. Meine Fotos konnten die Momente leider nur annaehernd einfangen. Wir uebernachteten in kleineren Staedten, welche in den Taelern liegen und kamen am Nachmittag des dritten Tages wieder an unserem Ausgangspunkt in der Stadt Ha Giang an. Mit einem Nachtbus fuhren wir dann ans Meer und verbrachten zwei Tage in Sam Son. Anschliessend trennte ich mich wieder von der Gruppe und fuhr zurueck nach Hanoi, wo ich nochmal einen Tag mit Karen verbrachte, bevor ich wieder in den Flieger zurueck nach Siem Reap stieg.

Ich wurde also waehrend der gesamten Zeit von vietnamesischen Freunden begleitet (auch mehrere meiner Freunde aus Phnom Penh haben vietnamesische Wurzeln und sprechen die Sprache), wodurch ich viel lokales Essen ausprobieren konnte, vor den Touristen-Preisen weitesgehend verschont blieb, keine Kommunikationsschwierigkeiten hatte (denn in der Region um Ha Giang sprechen die wenigsten Menschen Englisch) und die Zeit generell sehr geniessen konnte.

Der Tag, an dem ich abends in Siem Reap landete, war der erste Tag des Kambodschanischen Neujahr-Fests (Khmer New Year), es wird drei Tage lang gefeiert. Fuer Kambodschaner ist dieses Fest vermutlich wichtiger als das internationale Neujahr, viele verbringen die Zeit mit ihrer Familie. Es wird nicht nur in ganz Kambodscha sehr gross gefeiert, sondern teils auch in Laendern wie Laos, Thailand oder Myanmar. In Letzerem arbeitet momentan mein Bruder Lukas, und auch bei ihm war zur gleichen Zeit Einiges los. Statt Silvesterknaller wie bei uns in Europa gibt es jedoch massenweise Wasser und Babypuder: Viele sind auf den Strassen unterwegs, zu Fuss, mit Moped oder sitzen auf den Ladeflaechen von Gelaendewagen und schiessen mit Wasserpistolen durch die Gegend. Da der April der heisseste Monat im Jahr ist und es immer noch nicht regnete, sind die Wasserschlachten echt erfrischend.

Meine Mitfreiwillige Anna arbeitet seit einiger Zeit in Siem Reap, war ueber Khmer New Year jedoch mit meinen anderen Mitfreiwilligen in Chambok in der Naehe von Phnom Penh. Da ich also niemanden in der Stadt wirklich kannte, habe ich mich tagsueber etwas gelangweilt und eher darauf gewartet, dass abends wieder richtig Stimmung aufkam. Mit meinem Bruder Lukas war ich vor knapp 4 Jahren bereits in den Tempeln von Angkor, die Tickets sind teuer. Daher habe ich mir diesmal nur ein Rad ausgeliehen, bin damit an den Tempeln entlang gefahren (ohne hinein zu gehen) und habe das National Museum in Siem Reap besucht, welches sehr interessant und ausfuehrlich ueber die Tempel, die Khmer-Epochen und viele religioese Aspekte informiert. Abends wurde in Siem Reap auf den Strassen laut Musik gespielt, staendig wird man nass gemacht und ab und zu kommt eine Person entgegen, sagt „Happy Khmer New Year“ und schmiert einem eine Handvoll Babypuder ins Gesicht. Das Barviertel in Siem Reap fuellte sich mit vielen kambodschanischen Jugendlichen sowie Touristen, auf den Strassen wurden massenweise Wasserschlachten abgehalten und in einer ausgelassenen und froehlichen Stimmung gefeiert. Das war verrueckt, aber auch sehr spassig.

Nach diesen Feiertagen fuhr ich zurueck nach Ratanakiri, wo es bis in die Nacht hinein in Stroemen regnete. Das passte auch ganz gut, denn der naechste Tag war der offizielle Beginn der Regensaison in Kambodscha. Ich wollte wieder zur Arbeit schreiten, jedoch kam es nicht dazu. Ich stand morgens vor unserem verschlossenen Buero, hatte keinen Schluessel und erfuhr dann von meinem Mentor Mr. Vicheth per SMS, dass meine Kollegen momentan in Phnom Penh waren und dort an einem Workshop teilnahmen. Ich sollte auch nach Phnom Penh kommen, da wir dort in der kommenden Woche ein wichtiges Event hatten. Das Missverstaendnis lag vor allem an mir, ich hatte seit meinem Aufbruch nach Vietnam nicht mehr mit meinen Kollegen kommuniziert und bin einfach davon ausgegangen, dass schon jemand in Ratanakiri sein wird, wenn ich zurueck bin.

Das war aber auch nicht weiter schlimm, ich habe diese Botschaft mit viel Humor aufgenommen, konnte mich ein paar Tage ausruhen und nahm dann erneut einen Bus nach Phnom Penh, gerade puenktlich, um mit meiner Mitfreiwilligen Jana ihren Geburtstag zu feiern. Bei dem Event von SCW, fuer welches ich nach Phnom Penh kommen sollte, handelte es sich um das offizielle Unterzeichnen eines weiteren Memorendum of Understanding (MoU) mit dem „Department of Environmental Education and Information“ (DEEI) des Umweltministeriums (MoE). Das gleiche Abkommen haben wir im Januar auch mit einem anderen Department des Umweltministeriums geschlossen, darueber hatte ich ebenfalls geschrieben.

Diesmal war es aber eine ganz andere Veranstaltung. Im Gegensatz zu dem Event im Januar, wo wir mit vielen Kollegen von SCW auftraten, grosse Reden gehalten wurden und mit Champagner angestossen wurde, hielten wir es diesmal sehr schlicht und einfach ab. Mit mehreren Mitarbeitern vom Umweltministerium setzten wir uns an einen Tisch und hielten kurze Ansprachen, wobei ich nicht viel verstand, da alles in Khmer abgehalten wurde. Ein Mitarbeiter des Departments und unser Programmmanager (sowie mein Mentor) Mr. Vicheth unterzeichneten das Abkommen und wir schossen mehrere Fotos. Das Prozedere verlief deutlich schneller und auch mit einer kuehleren Stimmung, was mich ueberraschte. Dies lag wohl auf unserer Seite vor allem daran, dass dies nun unser zweites MoU mit dem Umweltministerium war und es kein solcher „Durchbruch“ mehr ist wie das erste Abkommen.

Wo ich nun schon mal in Phnom Penh war, blieb ich dort fuer zwei weitere Tage. Ich arbeitete in unserem Hauptbuero, traf abends ein paar Freunde, spielte Dodgeball und fuhr anschliessend wieder zurueck nach Ratanakiri.

Nun komme ich zu einem Thema, ueber welches ich schon berichtet habe. Kambodschanische Hochzeiten. Mittlerweile verstehe ich viele Kambodschaner, die gar nicht so begeistert sind, wenn sie zu Hochzeiten eingeladen werden. Man schenkt dem Brautpaar jedes Mal einen recht grossen Geldbetrag (20-30 Dollar sind wohl die Norm, daran halte ich mich meistens), damit sie die betraechtlichen Kosten fuer die aufwendige Veranstaltung einigermassen decken koennen. Ich wurde nun wieder zu einer Hochzeit naechste Woche eingeladen und habe langsam das Gefuehl, dass mein Beduerfnis an Hochzeitserlebnissen fuer diesen Freiwilligendienst allmaehlich gestillt ist.

Kurz nach meiner Rueckkehr nach Ratanakiri heiratete jedoch meine „Gastschwester“ , ihr Name ist Pisey. Mit ihr, ihrer kleinen Schwester und vielen weiteren Freunden der Familie, welche staendig bei uns sind, verbringe ich des Oefteren Zeit nach der Arbeit oder am Wochenende, oftmals werde ich zum Essen und Trinken eingeladen oder wir schauen Filme zusammen. Jedenfalls habe ich sie gerne und konnte nun zum ersten Mal einer kompletten Hochzeitszeremonie beiwohnen, was meistens eher der Verwandtschaft vorbehalten ist. An einem Freitag kam ich nachmittags von der Arbeit und war ziemlich ueberrascht, als vor dem Haus ein grosses Zelt mit Tischen aufgebaut war (morgens war davon noch nichts zu sehen) und sich auf unserem Grundstueck lauter Menschen tummelten. Die Hochzeitszeremonie des ersten Tages war schon in vollem Gange.

Leider kann ich die genauen Vorgaenge, Braeuche usw. nicht gut erlaeutern, da ich Vieles selbst nicht verstehe. Meine Fotos veranschaulichen das Ganze wahrscheinlich besser, als ich es mit Worten beschreiben kann. Es wurden verschiedene Zeremonien abgehalten, stets begleitet von Fotografen und traditioneller Musik. Zunaechst spielte sich alles im oberen Stockwerk des Hauses ab, wo nur begrenzter Platz fuer Zuschauer ist. Ein buddhistischer Gelehrter fuehrte den Grossteil des Prozederes durch, meistens mit einer Art Sprechgesang, dabei wird seine Stimme und die Musik ueber Lautsprecher verbreitet, sodass die Gaeste, welche nicht direkt beiwohnten und unten am Essen waren oder anderes taten, mithoeren konnten. Es gab verschiedene Vorgaenge, meist standen die Eltern des Brautpaares sowie das Brautpaar im Mittelpunkt.

Am spaeteren Abend lief die Zeremonie neben dem Haus auf dem Grundstueck ab, dort gab es eine sehr traditionelle Zeremonie (Ein kambodschanischer Freund, der gut Englisch spricht, erklaerte mir, dass dieser Part bei vielen Khmer-Hochzeiten nicht mehr vorkommt und nur fuer traditionsbewusste Familien eine Rolle spielt). Die Braut war mehrere Stunden im Mittelpunkt und mehrere Akteure spielten verschiedene Vorgaenge durch, oft mit schrillen oder humorvollen Verkleidungen. Das Ganze aehnelte oftmals einem Theater, bei dem die Braut und junge Familienangehoerige, welche in zwei Reihen vor der Braut sassen, immer wieder mit eingebunden wurden. Es war vermutlich viel Komik dabei, ich verstand aber das Wenigste wegen der Sprachbarriere. Der Abend endete erst sehr spaet, das Brautpaar wechselte zwischen den einzelnen Vorgaengen oftmals die aufwendigen Kostueme.

Am naechsten Morgen wurde ich gegen 5 Uhr frueh wach, da ploetzlich die laute, traditionelle Musik und der Sprechgesang des buddhistischen Gelehrten wieder ueber Lautsprecher erklangen. Von der Braut habe ich spaeter erfahren, dass sie bereits gegen 2 Uhr in der Nacht wieder aufstehen musste, weil ihre aufwendige Vorbereitung (Make-Up, Haare, Kostuem, usw.) so viel Zeit in Anspruch nimmt. Sie hat vermutlich kaum Schlaf bekommen in dieser Nacht. Ich holte meine Mitfreiwillige Tess ab, welche einen Nachtbus genommen hatte, um mich ueber das Wochenende zu besuchen.

Etwas spaeter liefen Tess und ich mit vielen anderen Gaesten zu einem nah gelegenen weiteren Haus der Eltern, holten dort vorbereitete Geschenke ab und brachten diese in einer grossen Prozession zum Ort des Geschehens. Im Laufe des Tages gab es wieder weitere Zeremonien, nun stand das Brautpaar meistens gemeinsam im Mittelpunkt. Abends gab es dann eine grosse Feier mit mehreren Hundert Gaesten, da nun ausser der Verwandtschaft auch viele weitere Gaeste eingeladen werden. Diese Abschlussfeier ist der Teil, an dem ich bei anderen Hochzeiten stets teilgenommen habe, ohne bei den vorherigen Zeremonien dabei gewesen zu sein. Diese Party hat wieder richtig Spass gemacht, da im Laufe des Abends mehr und mehr Stimmung aufkam, viele Jugendliche dabei waren und wir mit dem Brautpaar solange getanzt haben, bis wir quasi aus dem Saal rausgeworfen wurden.

Ich bin froh, dass ich das ganze Prozedere mal komplett gesehen habe, aber so strapazierend, wie es sich anhoert, waren die beiden Tage auch. Ich bewundere das Brautpaar (und auch die Eltern, diese waren ebenfalls oft gefordert), dass sie die meiste Zeit ueber in ihren Kostuemen still sitzen koennen und staendig von allen Seiten beobachtet und abgelichtet werden, ohne die Nerven zu verlieren. Die Braut hat waehrend der zwei Tage auch fast nichts gegessen.

In den darauffolgenden Tagen hatte ich wegen kambodschanischer Feiertage wieder etwas Freizeit und habe zuerst mit Tess, zwei Tage spaeter mit meiner kambodschanischen Gastfamilie verschiedene Orte besucht, u.a. zwei Wasserfaelle, ein kleines Resort und den Vulkansee Yeak Laom.

Liebe Gruesse,

Euer Martin

 

PS.: Dieser Artikel wurde mir von Lukas zugeschickt, zusammen mit den Worten: Erst geht die Pressefreiheit, dann kommt die Hetze.

https://uk.reuters.com/article/cambodia-politics-media/foreign-reporters-quit-newspaper-in-cambodia-en-masse-after-sale-idUKKBN1IA0J1

Die Phnom Penh Post wurde an einen Investor aus Malaysia verkauft, welcher dem Kambodschanischen Premierminister Hun Sen nahe zu stehen scheint. Alle auslaendischen Reporter beenden nun ihre Arbeit bei dieser Zeitung. Nach der erzwungenen Schliessung der Cambodia Daily im vergangenen Jahr scheint die letzte verbliebene, freie Zeitung in Kambodscha dem Druck nicht mehr standhalten zu koennen.

Am 29. Juli 2018 gibt es Wahlen in Kambodscha. Die Vorgaenge der letzten Monate zeigen (unter anderem die Schliessung der Zeitungen, Radiosender, mehrerer NGOs, Zerschlagung der groessten Oppositionspartei und Verhaftung einiger Politiker), wie die Regierung versucht, jede kritische Stimme verstummen zu lassen und die Chance eines Regierungswechsels zu verhindern. Momentan ist es schwer abzusehen, wie sich die Lage im Land bis zur Wahl entwickeln wird. Da es momentan keine nennenswerte Opposition gibt, fuehlt sich der Alltag meistens ruhig und friedlich an. Jedoch erfahre ich ganz Anderes, wenn ich mit manchen Einheimischen ins Gespraech komme. Auch SCWs Arbeit ist mehr und mehr von den politischen Entwicklungen betroffen. Da wir uns aber ausdruecklich fuer Umweltschutz und Entwicklung einsetzen und versuchen, die Ministerien stehts in unsere Arbeit miteinzubinden und zu informieren, sind wir bis jetzt einigermassen unbehelligt geblieben. In den Wochen vor der Wahl werden wir dennoch mit Sicherheit die meisten Aktivitaeten in den Projekten einstellen muessen.

 

 

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