Besuch in Thailands Hauptstadt, Environmental Day und ein Feldbesuch in Siem Pang

Bangkok ist eine beeindruckende Stadt, vor allem, wenn man vorher laengere Zeit in den abgelegenen Provinzen Kambodschas verbracht hat. Thailands kleiner Nachbar hat keine Stadt, welche mit dieser Millionenmetropole vergleichbar ist. Am Tag nach meiner Ankunft haben Lukas und ich uns Sehenswuerdigkeiten im Stadtzentrum angesehen. Hauptattraktion ist das Gelaende des Koenigspalastes und weiteren Tempeln. Es handelt sich um viele verzierte, vergoldete Gebaeude; ich war schnell uebersaettigt an Eindruecken. Auf dem Gelaende tummelten sich viele Menschen auf begrenztem Raum, u.a. groessere chinesische Touristengruppen, wodurch man etwas getrieben ueber die Anlage laeuft und sich schnell nach einem ruhigeren Plaetzchen sehnt.

In Bangkok gibt es viele Moeglichkeiten zur Fortbewegung: Oeffentliche Busse und Taxis auf den Strassen, Boote fahren ueber Kanaele und den Chao Phraya Fluss durch die Stadt und sind sehr guenstig, ausserdem gibt es einen modernen Sky-Train, welcher ueber zwei Linien die Bewohner durch die Stadt transportiert. An den folgenden Tagen waren wir in mehreren der riesigen Shopping-Malls, beim Jim Thompson House (der US-Amerikaner liess sich nach dem zweiten Weltkrieg in Thailand nieder und trug massgeblich zum Aufbau der lokalen Seidenindustrie bei, bis er 1967 auf mysterioese Weise in den Tropenwaeldern Malaysias verschwand, sein Anwesen wurde spaeter zu einem Museum umgestaltet), in einem Freizeitpark und im Lumpini Park. Abends kann man sich in der Stadt sehr gut amuesieren, manche Viertel von Bangkok erwachen erst abends richtig zum Leben. Das Nachtleben unterscheidet sich dabei stark von Viertel zu Viertel. Die beruechtigten Rotlicht-Bars mit bestimmten Angeboten und Klientel sind ein extremes Erlebnis fuer sich, es gibt aber auch etliche Sky-Bars und familienfreundliche Moeglichkeiten, den Abend zu gestalten.

Ende der Woche fuhr ich zurueck nach Kambodscha, wieder einmal zur Stadt Siem Reap. Dort fand von Freitag bis Sonntag ein weiteres Seminar von Brot fuer die Welt statt, neben uns fuenf BfdW Freiwilligen nahmen weitere deutsche Freiwillige einer anderen Organisation teil, zusaetzlich wurden kambodschanische Jugendliche zum Seminar eingeladen. Diesmal ging es um die suedostasiatische Geschichte. Ein kambodschanischer Referent gab uns einen Ueberblick ueber die Ereignisse der letzten 2000 Jahre in dieser Region. Am Uberraschendsten war fuer mich, dass es ca. 1000 alte Tempelanlagen innerhalb Kambodschas gibt. Vermutlich ist ein grosser Teil davon aber auch nicht so beeindruckend und gut erhalten wie die Tempelanlagen von Angkor (diese wurden aufwendig restauriert) in Siem Reap. Am letzten Tag besuchten wir ein Minenmuseum. Landminen aus der Zeit des Vietnamkrieges und der roten Khmer sind bis heute eine bestehende Gefahr in Kambodscha. Viele Menschen wurden in den letzten Jahrzehnten durch sie getoetet und verstuemmelt, darunter viele Kinder und Farmer. Mehrere NGOs sind aktiv mit der Entsorgung der verbliebenen Landminen beschaeftigt. Das Auffinden und Entschaerfen nimmt viel Zeit und Muehe in Anspruch, es wird noch viele weitere Jahre dauern, bis Kambodscha wieder komplett minenfrei ist.

Zurueck in Ratanakiri habe ich wieder schnell in meinen ruhigen Alltag hineingefunden. Den Tag ueber arbeite ich viel im Buero, korrigiere Texte fuer den Newsletter von SCW oder fuer die Webseite und schreibe eigene Texte wie zum Beispiel die Case Study, fuer die wir im letzten Monat das Interview in Mondul Yorn gefuehrt haben. Am 14. Juni war offizieller Environmental Day (Tag der Umwelt), in Ratanakiri und weiteren Provinzen Kambodschas gab es zu diesem Anlass grosse Events. SCW hat die Veranstaltungen in Ratanakiri und Kratie mitorganisiert und z.B. hunderte T-Shirts zu diesem Thema verteilt. Frueh morgens stellten wir uns in Banlung zusammen mit anderen NGO-Mitarbeitern, Schulklassen, CPA-Vertretern und Rangern zentral in der Naehe des Marktes geordnet auf. Von Regierungsvertretern und Mitarbeitern des Umweltdepartments wurden lange Reden gehalten, fuer mich wurde es ziemlich anstrengend, ich habe mich nicht so wohl dabei gefuehlt. Wir mussten lange Zeit starr in der prallen Sonne bei deutlich ueber 30 Grad Celsius stehen und zu den Rednern schauen, viele Schueler haben sich mit verschiedenen Methoden vor der Sonne abgeschirmt, ein Kollege hat sich die meiste Zeit ueber ganz nah hinter mich gestellt und mich wegen meiner Groesse als Schild genutzt.

Die Reden handelten von Umweltschutz, vom Umgang mit Plastik in Kambodscha usw. Ich habe vor Kurzem gelesen, dass Kambodschaner auch im Vergleich mit aehnlich „entwickelten“ Laendern einen Vielfach hoeheren Plastikverbrauch haben. Ausserdem sieht man hier taeglich, wie Kinder, Erwachsene und auch aeltere Leute Plastikabfaelle ganz selbstverstaendlich in die Umwelt werfen, das ist echt ein Problem. Nach den Reden wurden vier Gruppen gebildet, welche mit Schildern und grossen Koerben durch die Stadt Banlung liefen und Muell aufsammelten. Auch wenn diese seltenen Muell-Sammelaktionen nur ein Tropfen auf den heissen Stein sind, habe ich etwas Hoffnung, dass der Appell zu mehr Umweltschutz zu den Menschen durchdringt und sich ein Bewusstsein dafuer bildet in Zukunft.

Vor einer Woche waren wir erneut in unserer CPA (Community Protected Area) Seda am Rande des Lumphat Wildlife Sanctuary, ein Naturschutzgebiet im Sueden Ratanakiris. Der ganze Gruendungsprozess bis zur offiziellen Anerkennung durch die Regierung nimmt einige Jahre in Anspruch und steht bei dieser CPA kurz vor dem Abschluss, es gibt in diesem Zeitraum viele Meetings mit den Bewohnern, verschiedene Ministerien und Regierungsvertreter muessen zu Dokumenten zustimmen, die Grenzen des geschuetzten Gebietes muessen klar festgelegt werden usw.

Das Meeting in diesem Monat hatte den Zweck, das CPA by-law mit dem CPA Komitee (das sind die gewaehlten Vertreter der Doerfer) zu besprechen und zu erklaeren. Darin werden die Rechte und Verpflichtungen der Bewohner festgelegt. Viele Punkte koennen sie selbst entscheiden, zb wie hoch die Beitraege sind, mit denen jeder Haushalt die Organisation des Schutzgebietes unterstuetzt, auf welche Art die Bewohner die natuerlichen Ressourcen wie den Fluss und Wald nutzen duerfen und weiteres. Leider nahmen recht wenig Menschen an unserem Meeting teil. Obwohl wir den Termin fuer das Treffen mit dem Komitee zusammen festgelegt haben, sind viele der Mitglieder auf ihre Reisfelder zum Arbeiten gegangen, statt an unserem Treffen teilzunehmen.

Im Anschluss an das Meeting habe ich zusammen mit einem Kollegen noch ein Interview mit dem CPA Vorsitzenden gefuehrt, dabei ging es um die regelmaessigen Patrollien der Bewohner. Diese sind wichtig, um illegale Abholzung und Wilderei innerhalb der CPA zu verhindern. Auch darueber schreibe ich nun einen Text, welcher in dem naechsten Newsletter von SCW erscheinen soll.

Seit ich nicht mehr in Phnom Penh in unserem Hauptbuero arbeite, bin ich logischerweise nicht mehr so eingebunden in viele uebergreifende Prozesse, die unsere Fuehrungsetage betreffen. In den ersten Monaten in Phnom Penh habe ich an vielen Treffen mit Partnern und internen Besprechungen zu unseren Projekten teilgenommen und zukuenftige Projekte mitplanen duerfen. Seit ich nun in Ratanakiri wohne, sehe ich die taegliche, reale Durchfuehrung eines unserer Projekte direkt vor Ort. Nebenbei gibt es aber weiterhin viele weitere Aktivitaeten von SCW in Kambodscha, ueber die ich nun nicht viel berichtet habe, da ich selbst nicht mehr direkt involviert bin.

Letzte Woche aber fand ein Feldbesuch mit unseren Partnern und Geldgebern, den Johannitern (Johanniter Unfall Hilfe) in Siem Pang statt, an welchem ich zusammen mit meinen Kollegen aus Phnom Penh teilnehmen konnte. Ich hatte mir dieses Projekt im Januar einmal angesehen und habe damals mehrere Tage in Siem Pang verbracht. Die Gegend ist nochmal abgelegener als mein Wohnort Banlung in Ratanakiri. Es handelt sich um einige weit verstreute Doerfer nahe der laotischen Grenze, viele ziehen sich am Tonle Kong Fluss entlang, die Bewohner gehoeren ueberwiegend zur ethnischen Gruppe der Khmer-Lao. Damals war ich ein wenig enttaeuscht, weil ich mehr „wilde“ Natur erwartet habe. Jedoch bin ich beim letzten Mal in der Trockenzeit dort gewesen, und dieses Mal sah die Gegend recht anders aus fuer mich.

Es gibt hier in Kambodscha keine klassischen Jahreszeiten wie in Europa, aber von Monat zu Monat gibt es doch typische Wettermerkmale, und der Wechsel von Trocken- zu Regenzeit beeinflusst die Landschaft sehr stark. Ueberall waechst und gedeiht die Natur nun. In Ratanakiri sind viele Flaechen ploetzlich gruen und bewachsen, welche in den letzten Monate noch staubtrocken waren, und auch die Natur in Siem Pang hat mir nun besser gefallen.

Das Projekt in Siem Pang hat zum Ziel, die dortige CPA O’Chay zu unterstuetzen, die Ernaehrungssicherheit und -variation der Bewohner und das Wissen ueber Hygiene und Umweltschutz zu verbessern. Dafuer veranstaltet SCW Kochkurse, Trainings fuer Farmer, Treffen, um ueber den Klimawandel zu informieren, aber auch Themen wie Gleichberechtigung der Geschlechter spielen eine Rolle. Technische Geraete wie solarbetriebene Wasserpumpen und kleine Biogasanlagen fuer eine hauseigene Biogasproduktion (z.B. fuers Kochen) werden bereitgestellt (dabei zahlt der Farmer einen eigenen Anteil von 15% des Preises) und grosse Wasserbecken zur Wasserversorgung werden gebaut, in welchen auch Fische gezuechtet werden koennen. Durch all diese Massnahmen sollen sich die Menschen letztendlich besser selbst versorgen koennen und weniger vom Wald abhaengig sein; vor allem soll die illegale Abholzung damit eingedaemmt werden, welche oftmals von Menschen in diesen Regionen betrieben wird, welche keine andere Moeglichkeit zur Einkommensbeschaffung sehen.

Fuer den Feldbesuch fuhren wir am ersten Tag vormittags mit Mopeds zu mehreren Orten und schauten uns Ergebnisse des Projektes an. Wir trafen Farmer, welche mit technischen Geraeten sowie Agrarguetern von SCW unterstuetzt werden. Viele kambodschanische Farmer haben in den letzten Jahrzehnten vor allem Reis angebaut, da es einfach, ergiebig und sicher ist. Darunter leidet aber die Ernaehrung, wichtige Naehrstoffe fehlen und die Farmer sind stark vom aktuellen Marktwert fuer Reis abhaengig. Ein Ziel von SCW ist es, den Farmern auch den Anbau von vielen weiteren Agrarprodukten naeherzubringen. Nachmittags fuhren wir in weitere Doerfer, besuchten erneut verschiedene Farmer und ausserdem einen unserer Eco-Clubs. Dies sind Schulklassen, welche mit Materialien und Wissen durch SCW unterstuetzt werden. Wir klaeren ueber Umweltprobleme und Loesungen auf, ueber den Umgang mit Plastik, es gibt Aktivitaeten wie gemeinsames Muellsammeln (aehnlich wie das oben beschriebene Event in Ratanakiri), es werden Baeume gepflanzt usw.; Insgesamt soll ein besseres Umweltbewusstsein bei den jungen Generationen gefoerdert werden.

Am zweiten Tag fand ein Partnermeeting zwischen SCW und den Johannitern statt. Inhalt ist das aktuelle Projekt mit seinen Erfolgen und Schwierigkeiten, der finanzielle Stand, Ueberlegungen zum weiteren Verlauf des Projektes und auch unsere neuen Bienenhonig-Aktivitaeten. SCW bringt seit einigen Monaten einigen Farmern in der Provinz Kratie das Imkern bei und stellt alle Materialien bereit, der Honig wird unseren Zielgruppen zu einem fairen Preis abgekauft und anschliessend in ganz Kambodscha vermarktet. Diese Aktivitaeten sind noch im Aufbau und in der Modellphase, es verlaeuft bis jetzt aber sehr erfolgreich. Das Prinzip nennt sich Social Business; Das Ziel ist, unseren Zielgruppen eine sichere Einkommensquelle zu schaffen, die den Menschen sowie der Umwelt hilft und auch unsere NGO finanziell unterstuetzt (unsere Oeko-Tourismus-Aktivitaeten wie z.B. in Mondul Yorn entstehen aus derselben Idee). Am Tag darauf ging es fuer mich wieder zurueck nach Ratanakiri, wo ich nun wieder arbeite.

Uebrigens ist der deutsche Fussball aeusserst beliebt bei den Kambodschanern, man entdeckt das ganze Jahr ueber Menschen mit Trikots der deutschen Nationalmannschaft oder Vereinen wie Bayern Muenchen im Alltag. Es haben auch viele der Kambodschaner zur Weltmeisterschaft Wetten auf Deutschland abgeschlossen. Folglich war die Stimmung bei Einigen hier entsprechend schlecht in den vergangenen Tagen, und ich werde derweil des Oefteren mit viel Humor aufgezogen, weil Deutschland so schlecht gespielt hat.

Wer sich fuer die Case Study (auf Englisch) ueber Mondul Yorn interessiert, welche ich verfasst habe, findet diese auf der Internetseite von SCW http://www.cambodiaswildlife.org/testimonials/ unter dem ersten Punkt: Eco-Tourism & Environmental Protection, Oxfam PEMII, 2018

Ausserdem moechte ich einen Artikel teilen, welcher erneut ueber den illegalen Holzabbau in Kambodscha, u.a. in Ratanakiri, informiert. In dem Artikel wird naemlich erwaehnt, dass die EU einen neuen Vertrag mit Vietnam geschlossen hat, durch welchen Vietnam riesige Mengen an Holz an die EU liefern soll. Da Vietnam seine eigenen Waelder groesstenteils streng schuetzt, aber gleichzeitig viel Geld mit Holzexporten verdient, dienen nun kambodschanische Waelder als illegale Quelle. Der kambodschanische Umweltminister entgegnete auf die Anfrage der Reporter, dass dies nicht der Wahrheit entspreche und der illegale Holzabbau in Kambodscha komplett beendet wurde.

https://www.khmertimeskh.com/50496726/illegal-timber-still-flowing-eia/?utm_source=Mekong+Eye&utm_campaign=f04697e31c-EMAIL_CAMPAIGN_2018_01_10_COPY_01&utm_medium=email&utm_term=0_5d4083d243-f04697e31c-527541425

Ich zaehle nun meine letzten Tage in Ratanakiri. Am 4. August fliege ich zurueck nach Deutschland, mir bleibt also noch etwa ein Monat in Kambodscha. Mitte Juli werde ich zurueck nach Phnom Penh ziehen, dort nochmal ein paar Tage im Hauptoffice arbeiten, meine Aufgaben abschliessen und mich auf die Rueckkehr vorbereiten. Mir ist sehr mulmig bei dem Gedanken, dass das Alles hier fuer mich bald zuende ist, es fuehlt sich wie ein zweites Leben an. Ich habe mich aber entschieden, auf jeden Fall erstmal ein Masterstudium in Europa zu machen, bevor ich ueber einen richtigen Job nachdenke, und auch meine Heimat Deutschland bietet mir natuerlich gute Gruende, mich auf die Rueckkehr zu freuen und dem Ende meines Freiwilligendienstes einigermassen positiv entgegen zu blicken.

Ich werde in einigen Wochen vermutlich nochmal einen letzten Eintrag schreiben.

Bis dahin,

Euer Martin

 

 

 

 

 

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