There and Back again

Nach meinem letzten Eintrag erfuhr ich recht überraschend, dass unser Programmmanager (und mein Mentor) Mr. Vicheth plante, für einige Aktivitäten nach Ratanakiri zu kommen. Wir nahmen an verschiedenen offiziellen Events teil, bei denen es um die Anerkennung mehrerer CPAs (Community Protected Area) ging oder ein besonderer Tag gefeiert wurde, an dem in Kambodscha symbolisch Bäume gepflanzt werden, um an die Bedeutung der Natur und Verantwortung der Menschen gegenüber der Umwelt zu erinnern. An zwei anderen freien Tagen fuhren wir zu abgelegenen Dörfern, welche durch SCW’s Projekte unterstützt werden, um mit den Bewohnern über die derzeitige Situation, Probleme sowie mögliche Lösungen zu sprechen.

Bei den offiziellen großen Events nahm zwei Mal auch der Gouverneur von Ratanakiri teil. Ich war jedes Mal der einzige Ausländer bei den Veranstaltungen und falle automatisch schnell auf. Ich habe mit sehr vielen Polizisten, Würdenträgern und Regierungsangehörigen die Hände geschüttelt in diesen Tagen und freundlichen Small Talk geführt, obwohl das eher die Menschen hier sind, mit denen ich persönlich weniger zu tun haben möchte. Auch in einer Rede des Gouverneurs wurde ich mehrfach als Beispiel einbezogen, als er bestimmte Gegebenheiten europäischer Länder mit Kambodscha verglich.

Am letzten Tag mit Mr. Vicheth fuhren wir zu unserer CFi (Community Fishery) Hatpak. Diese liegt schwer erreichbar nordwestlich von Banlung, schon im März habe ich über die sehr aufregenden Fahrten dorthin und zurück berichtet (nachmittags kamen wir schließlich erschöpft am Cha Ong Wasserfall in der Nähe von Banlung an). Ich wusste also, was diesmal auf mich zukommt, und da wir uns nun in der Regenzeit befinden, wurde die Aktion richtig spannend. Wir fuhren stundenlang durch hüfthohe Schlammgruben und kleine Bäche, mussten unsere Mopeds durch den Schlamm schieben, wenn diese fest steckten, kamen aber insgesamt ganz gut durch. Für mich war es ein gelungener letzter Arbeitstag in Ratanakiri.

 

 

Ich hatte in diesen Tagen mit Mr. Vicheth zusammen entschieden, dass ich vor meiner Rückkehr nach Phnom Penh nochmal für einige Tage nach Siem Pang und Kratie fahre, um an beiden Orten meinen Kollegen dabei zu helfen, Interviews durchzuführen und Case Studies zu schreiben. Von meiner Gastfamilie konnte ich mich leider nicht mehr richtig verabschieden, da diese einige Tage in einer anderen Provinz verbrachten, um bei einer Beerdigungszeremonie teilzunehmen.

Mir fiel der Abschied von meinem Leben in Ratanakiri nicht leicht, aber es war schön, nochmal mit meinen anderen Kollegen in Siem Pang und Kratie und direkt mit den Menschen vor Ort arbeiten zu können. Bei den Interviews für die Case Studies lerne ich selbst auch viel über SCW’s Themen, mir macht es daher Spaß. Es geht darum, einen persönlichen Bericht über bestimmte Themen von SCW zu schreiben. Unser Geldgeber und Partner bei diesem Projekt, Die Johanniter Unfall Hilfe, erhält regelmäßig Berichte und Daten von SCW zum Stand unseres Projektes. Das sind aber größtenteils nackte Zahlen auf vielen Seiten verteilt, die einen schnell vergessen lassen, dass es bei diesen Projekten um Menschen und Lebenssituationen geht. Die Case Studies helfen uns und unseren Partnern zu verstehen, wie es den Menschen vor Ort wirklich geht, was sie über das Projekt und die Unterstützung denken, wie sie von unserem Projekt profitieren, welche Probleme sie trotzdem noch haben usw. Die Case Studies vermitteln daher ein ganz anderes, persönliches Bild von unserem Projekt.

Ich verbrachte drei Tage in Siem Pang, führte ein Gespräch mit einer Familie in Siem Pang zum Thema Heimgarten/Landwirtschaft und schrieb direkt noch vor Ort den Text. Ich berichtete darüber, welche Gemüsesorten die Familie anbaut, wie die Produkte auf dem Markt verkauft werden, welche Hürden es dabei gibt usw. Meine Kollegen vor Ort gingen am letzten Abend mit mir essen, es war ein schöner Abschied. Anschließend fuhr ich in die Provinz Kratie und führte ein zweites Interview zusammen mit anderen Kollegen mit einer Familie, welche eine kleine Biogasanlage von SCW erhalten hat. Als Rohstoff wird oftmals Kuh- oder Schweinedung genutzt, dabei wird Methangas produziert, welches von der Familie zum Kochen genutzt wird. Normalerweise müssten sie sonst Holz dafür sammeln, sie sparen also an Zeit, Geld und Gesundheit, da das Biogas keinen schädlichen Rauch produziert. Die Reste aus der Biogasanlage geben anschließend einen guten Dünger ab.

Nach diesem Interview fuhr ich noch einen weiteren Tag lang mit meinen Kollegen mit. Sie führten ein Imker-Training mit Dorfbewohnern durch und fuhren anschließend in die Provinz Kampong Cham. In Kampong Cham will SCW demnächst weitere Standorte für unsere Honigproduktion aufbauen, außerdem haben wir dort viele Verträge mit Hotels, welche unseren Honig verkaufen. Meine Kollegen mussten zu diesem Thema einiges Organisatorisches regeln und die Landschaft begutachten, da die Bienen bestimmte Pflanzen benötigen. Ich wollte mir das einfach mal anschauen, da ich mit diesen Themen während meines Freiwilligendienstes wenig zu tun hatte, daher begleitete ich sie. Am Tag darauf fuhren wir nach Phnom Penh weiter und ich kam endlich nach einer abschließenden, aufregenden Arbeitswoche in der Hauptstadt an.

 

 

In Phnom Penh arbeitete ich noch eine weitere Woche, schrieb die Texte fertig, nahm an Meetings teil und beendete alle meine Arbeiten. Mein Geburtstag am 19.07. war mein vorletzter offizieller Arbeitstag. Wir gingen alle zusammen essen und ich bekam eine Überraschungstorte. Von meinen meisten Kollegen wird mein Name ohne R geschrieben und ausgesprochen (Matin), dies kommt wohl von der kambodschanischen Übersetzung. Auch auf der Torte fehlte das R natürlich, das macht das Andenken für mich an meine Kollegen in Kambodscha umso schöner.

Die Wahlen am 29.07. in Kambodscha verliefen sehr ruhig. Wenn man Einheimische fragte, ob sie wählen gehen, erfuhr man viel Gleichgültigkeit oder Resigniertheit. Viele fragten dann, was sie denn wählen sollen, es gebe ja außer der Regierungspartei keine Alternative. Die CNRP, die bei den letzten Wahlen sehr stark aufgeholt hatte, wurde 2017 verboten. Daneben gibt es nun noch mehr als ein Dutzend unbedeutende Parteien, keine von diesen hat an diesem Sonntag aber mehr als ein paar Prozentpunkte geholt. Den Menschen kann man nicht wirklich einen Vorwurf machen. Das politische Klima hier ist alles andere als gut. Es reicht schon für Einheimische, wenn man Regierungskritische Sätze in der Öffentlichkeit sagt oder auf Facebook postet, um weitreichende Probleme zu bekommen. Von China unterstützt führt der kambodschanische Premierminister Hun Sen das Land mit eiserner Hand, von internationalen Protesten zeigt er sich unbeeindruckt.

In Laos ist vor einigen Tagen ein Damm gebrochen, es kam zu großen Überschwemmungen, die bis in den Norden Kambodschas reichen. Auch manche unserer Projektdörfer in Siem Pang sind leider betroffen. SCW ist momentan dabei, mit unserem Projektpartner Johanniter Unfall Hilfe (JUH) eine Schadensbegrenzung zu planen. Durch die Überschwemmungen sind manche unserer Projekterfolge und Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort bedroht. Wahrscheinlich wird für diesen Notfall nun etwas Reservegeld durch die JUH freigegeben, sodass SCW die Menschen dort in dieser schwierigen Situation beim Wiederaufbau unterstützen kann in den nächsten Monaten.

 

 

Die beiden neuen von mir verfassten Case Studies sind nun auch wieder ganz oben auf folgender Seite lesbar mit den Titeln: „Integrated Farming“ und „Biogas Digester“: http://www.cambodiaswildlife.org/testimonials/

Ab Ende August werden sieben neue Freiwillige über Brot für die Welt nach Kambodscha entsendet, zwei von ihnen werden bei Save Cambodia’s Wildlife eingesetzt. Ich habe Mitte September nochmal ein abschließendes Seminar mit Brot für die Welt in Berlin. Thematisch geht es wohl unter anderem darum, das Erlebte zu reflektieren, zu überlegen, wie wir unsere Lernerfahrungen aus diesem Freiwilligendienst nutzen können und wie wir uns in Zukunft gesellschaftlich engagieren wollen. Auf dieses Seminar bin ich auch nochmal gespannt.

Ich verbringe meine letzten Tage nun in Phnom Penh. Ich bereite Organisatorisches für meine Rückkehr vor und unternehme viel mit Freunden, die ich im Laufe dieses Jahres kennengelernt habe. Die Ausländer-Szene in Phnom Penh ist recht überschaubar. Wenn ich mich mit verschiedenen Gruppen zum Dodgeball, Volleyball oder Ultimate-Frisbee treffe, sehe ich immer wieder die gleichen Leute, die ich dann auch abends wieder in Bars oder bei anderen Veranstaltungen treffe. Auch ein paar sehr gute kambodschanische Freunde habe ich hier gefunden, mit denen ich hoffentlich in Zukunft Kontakt halten werde. Die vielen unglaublich netten Menschen und Freunde hier machen Kambodscha für mich zu einer zweiten Heimat und ich bin sicher, dass dies nicht mein letzter Aufenthalt in Kambodscha bleiben wird.

Vielen Dank an Alle, die während dieser ganzen Zeit meinen Blog gelesen und mich darin bestärkt haben, regelmäßig Einträge zu schreiben. Ich hoffe, ich konnte ein differenziertes Bild zu diesem Land vermitteln und evtl. auch so manches Vorurteil zu Kambodscha widerlegen. In wenigen Tagen, am frühen Morgen des 05. Augusts, lande ich in Frankfurt. Einige von Euch werde ich in den kommenden Monaten dann bestimmt wieder treffen.

Alles Gute und bis Bald,

Euer Martin

 

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